Vom Wald das Beste (04): Metal im Blut und den Woid im Herzen

Eigentlich erwartet man einen eher mürrischen, bärbeißigen und knallharten Mittdreißiger, wenn man Marco Schober aus Schönberg, Frontmann der Power-Metal-Truppe "Steel Engraved", auf einem der martialisch aufgemachten Bandfotos etwas näher betrachtet. Doch Vorurteile laufen, wie so häufig im Leben, auch hier ins Leere. Denn: Mit einem freundlichen Lächeln und einer offenen, sympathischen Art begegnet einem der 35-Jährige so vollkommen anders, als man es von einem tätowierten, muskelbepackten und langhaarigen Metal-Fan und -Sänger erwarten würde. Genau diese Vorurteile gegenüber seinem Musikgenre hat der zweifache Familienvater jüngst auch in einem selbstkomponierten Lied mit boarischem Text verarbeitet. Mit genau dieser Klischeevorstellung geht der gelernte Maurer nämlich amüsiert durchs Leben. Zum einen liebt er seine Musik, zum anderen seine Heimat. Zweifelsohne hat der Schönberger Metal im Blut - und den Woid im Herzen.

Mit fast stoischer Ruhe, verbunden mit einem immer wieder aufkeimenden, ansteckenden Lachen, sitzt Marco Schober am Esstisch seiner gemütlichen Wohnung. Auf dem Balkon, vom 35-Jährigen als "wärmstes Fleggal des Bayerwalds" bezeichnet, genießt man einen traumhaften Blick auf den Marktplatz seines Heimatorts Schönberg. Während seine Söhne Ares (4) und Leon (8) gemeinsam mit dem Nachbarsbuben im ersten Stock mit unüberhörbarer Lebensfreude spielen und dabei ordentlich Radau machen, erzählt Vater Marco: "Bei uns im Haus gibt es klare Regeln, die müssen eingehalten werden. Zum Beispiel ist Lügen ein absolutes No-Go. Ansonsten lassen wir unseren Kindern relativ viel Freiraum."

Lange Haare - ein Muss! Tattoos - sowieso!

Marco Schober hat sich im Kindesalter in die Musik vernarrt: Im Unterricht wird sein Lehrer auf die Stimme des gebürtigen Klingenbrunners aufmerksam - und "verpflichtet" ihn kurzerhand für den Kinderchor. Nicht unbedingt das Genre, für das sich der junge Bursch' begeistert - aber zumindest ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung. Bereits in der ersten Klasse interessiert er sich - inspiriert von seinem Vater, einem eingefleischten "Kiss"-Fan - für Rock und Metal. Statt "Benjamin Blümchen" und "Bibi Blocksberg" läuft in seinem Kinderzimmer "ACDC" und "Guns N' Roses". Normal? Normal! "Die verrückten Gitarren - das hat mir gefallen", erinnert sich Marco Schober und lacht herzlich.

Mit zwölf Jahren nervt er seine Eltern so lange, bis sie ihm endlich das lang ersehnte Keyboard kaufen. Da aber Metal-Bands wie Pantera oder Maschine Head vielmehr durch kraftvollere Soundriffe auffallen als durch virtuoses Tastenspiel, entscheidet sich Marco Schober kurze Zeit später dazu, E-Bass zu lernen. Bereits in der Pubertät zählt ein außergewöhnliches Äußeres zu seinem Markenzeichen. Lange Haare - ein Muss! Tattoos - sowieso! "Das gehört einfach dazu", macht der 35-Jährige deutlich. "Ich habe ja die Musiker in den vielen Videos gesehen. Und ich wollte genauso sein." Damals ging es ihm in erster Linie darum, seinen Idolen aus der Metal-Szene nachzueifern. Inzwischen ist sein Auftreten unverwechselbarer Teil seines Ganzen, seines ganz eigenen Stils. Gewissermaßen seine Visitenkarte. Sein Wiedererkennungsmerkmal.

Europa-Tour, mehrere Tonträger & regelmäßige Fanpost

Als Instrumentalist neigt sich seine musikalische Karriere schnell wieder dem Ende zu. Als Sänger jedoch startet er schnell so richtig durch. Erste, zaghafte Bandversuche führen über den Status einer "Garagen-Kombo" jedoch nicht hinaus. Und nach dem Schulabschluss kommt ihm außerdem seine Ausbildung als Maurer in die Quere. Die straff-organisierte Arbeitswelt passt dem Freigeist anfangs gar nicht. Eine willkommene Ausflucht bietet da die Musik. Mit der Band "Disregarded" macht er erstmals auf sich aufmerksam, sogar als Vorband von Crematory dürfen die jungen Musiker auftreten. "Das war schon derb", erinnert er sich. "Wir waren als Death- und Thrash-Metal-Band unterwegs - ein reines Gegrunze praktisch." Berufsbedingt endet diese Zeit jedoch schnell - Marco Schober wird auf Montage geschickt und ist nur ab und an in seiner Heimat anzutreffen. Erst, nachdem er die Mittlere Reife nachholt und in einem Schönberger Betrieb als Einzelhandelskaufmann angestellt wird, findet auch seine Musiker-Karriere eine Fortsetzung - verbunden mit dem endgültigen Durchbruch in der Metal-Szene.

Mit seinen Bands "Steel Engraved", "Phoenix" und "New Acoustics" gehört Marco Schober mittlerweile zu den bekanntesten Gesichtern seines Musikgenres. Da Metal allerdings - bis auf wenige Ausnahmen - nicht im Radio läuft, die Musikrichtung und deren Anhänger eher als unkonventionell gelten, wissen viele nicht, welche beachtliche Karriere der 35-jährige Schönberger bereits hingelegt hat. Zahlreiche Konzerte in ganz Europa, Südamerika und Asien, mehrere Tonträger und regelmäßige Fanpost beweisen diese Tatsache jedoch recht eindrucksvoll.

Drogen? Alkohol? "Meine einzige Sucht ist Kaffee"

Der Waidler ist nicht nur Sänger und Frontmann verschiedener Bands, sondern auch Songwriter. Die wichtigsten Zutaten dabei: "Melodik und Power." Danach gefragt, warum die meisten seiner Metal-Texte in englischer Sprache verfasst sind, erklärt der Schönberger, dass sich das über Jahre hinweg so entwickelt habe. Metal auf Deutsch? Das passe einfach nicht zusammen - "hört sich nicht gut an". Die Woid-Musiker möchten mit einem eigenen Branding auf sich aufmerksam machen, als woanders abzukupfern.
Das Vorurteil, dass er als Metal-Sänger ein echter "Bad Boy" sei, pulverisiert sich umso mehr, je länger man sich mit Marco Schober unterhält. Die Klischeevorstellung, bei Auftritten seien stets Alkohol oder Drogen mit im Spiel, verneint der 35-Jährige vehement. "Das ist einfach nicht drin. Da könnte ich nicht mehr auftreten", erklärt er. "Meine einzige Sucht ist Kaffee. Den brauche ich, um ein Konzert durchzustehen." Genauso wichtig zur Erholung sind für ihn neben seiner Frau Michaela und seinen Kindern auch seine Heimat, die Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald, sein Geburtsort Klingenbrunn und sein aktueller Wohnort Schönberg.

Seine selbstgeschriebenen Lieder mit bayerischen Texten darf man dabei als Hommage an seine Hoamat verstehen, wie Marco Schober betont. Ein echter Botschafter des Bayerischen Waldes also - wenn auch ein etwas anderer. Bei ihm wird deutlich, dass oftmals erst ein zweiter, genauerer Blick auf einen Menschen dessen Charakter preisgibt.
Genauso, dass man Vorurteile nicht einfach übernehmen soll, sondern dass es immer lohnt, sich selbst ein Bild von seinem Gegenüber zu machen. 

Band-Fotos: Christian Kronawitter