Daran, ob er seinen Spitznamen dem Komiker Stan Laurel oder dem ehemaligen Fußballprofi Reinhard "Stan" Libuda zu verdanken hat, kann er sich nicht mehr so genau erinnern. Aber wahrscheinlich war doch eher der klassische Rechtsaußen des FC Schalke 04 dafür verantwortlich, dass ihn heute in Frauenau, seiner Heimatgemeinde, jeder nur "Stan" nennt. Denn Dietmar Dengler hat schon als kleiner Junge gerne und oft mit den Burschen aus der Nachbarschaft auf dem Bolzplatz gekickt. Humor hat er trotzdem. Und dies nicht zu knapp.

Wenn der Begriff "Marke" auf jemanden zu einhundert Prozent zutrifft, dann wohl auf den 56-Jährigen. Und das nicht nur in punkto Tabakkonsum, den er mittlerweile mehr als 40 Jahre lang praktiziert. Seine Marke: R1 Slim Line Gold. "Die rauch ich seit 1988. Seitdem ich sie zum ersten Mal von einer Kursleiterin in der Sommerakademie geschenkt bekommen hab", erzählt Stan Dengler, hustet dabei mehrmals kurz und heftig auf - und steckt sich den Glimmstängel dann wieder genüsslich zwischen die Lippen. Ohne Zigarette im Mund würden ihn die Leute auf der Straße vermutlich nicht erkennen.

Gistl - Szenetreff und Kultwirtshaus

Wirt im "Gasthaus Gistl" ist er seit 1990. Dem kulturellen Melting-Pot, Szene-Treff und gastronomischen Mikrokosmos in der kleinen 2.600-Seelen-Gemeinde im Bayerischen Wald. Die Jahre haben ihre Spuren und auch einige tiefe Risse hinterlassen. Nicht nur an den Wänden der ehemaligen Werkswirtschaft der "Krystallglasfabrik I. Gistl" aus dem Jahr 1924 sowie dem dazugehörigen Gistl-Saal, in dem einst rauschende Bälle mit bis zu 700 Teilnehmern stattgefunden haben, sondern auch in Stan Denglers Gesicht.
Viele Leute aus aller Herren Länder hat er aus- und eingehen sehen. Vielen hat er ein "Nationalparkpils", ein leichtes Weizen oder ein "Gwasch" (Spezi) kredenzt. Und mit vielen sich dabei die ein oder andere Nacht "im Gistl" um die Ohren geschlagen. Geredet, getanzt, getrunken, gelacht, gestaunt, gestritten, geweint, gedacht, gemacht. Stets unter den kritischen Augen von Isidor Gistl, dem einstigen Glashütten-Besitzer und Kneipen-Namensgeber, der im Anzug, mit blauer Krawatte und feistem Doppelkinn von der roten Mauer gleich neben der Bühne blickt - und Zeuge des bunten Treibens ist, das sich von Mittwoch bis Samstag täglich ab 19 Uhr dort abspielt.

Rund 900 Auftritte von Bands und Künstlern aus der ganzen Welt hat auch Stan Dengler, der eine ausgeprägte Schwäche für Hard-Rock und Jazz-Musik hat und auch schon beim Mardi Gras in New Orleans mitfeierte, seit Bestehen des Gasthauses erlebt: von der kalifornischen 90er Jahre Punkrock-Combo "Lagwagon" über den Akkordeonisten Geno Delafose aus Louisiana bis hin zum Passauer Kabarettisten Sigi Zimmerschied. Auch viele tschechische Gruppen sind schon im Gistl aufgetreten - die Kontakte hierbei kamen meist über das "Bild-Werk Frauenau" zustande, das auch eine zentrale Rolle im Leben von Dietmar Dengler eingenommen hat und eng mit dem Gistl verwoben ist. Denn er war eineinhalb Jahrzehnte der Geschäftsführer jener 1987 als Akademie für "Kopf-, Hand- und Kunstwerk" ins Leben gerufenen Bildungseinrichtung, die bis heute renommierte nationale wie internationale Kulturbegeisterte in die Bayerwaldgemeinde im südlichen Landkreis Regen lockt.

Bild-Werk Frauenau als kultureller Motor


Der Werdegang zum Wirt war für Stan nicht gerade vorgezeichnet. Von einer geradlinigen Biografie kann bei ihm ohnehin nicht die Rede sein. Er, der nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Krankenpfleger im Bezirkskrankenhaus Gabersee im oberbayerischen Wasserburg am Inn plötzlich Torschlusspanik bekommen hatte. "Wenn ich mit dem Job weitermache, dann war's das", waren seine Karriere-Gedanken, damals mit 22. Er kündigte deshalb "von jetzt auf gleich", ging nach München und schrieb sich an der Fachhochschule für den Studiengang Sozialpädagogik ein.

Nach knapp fünf Jahren in der Landeshauptstadt schloss er sein Studium ab - und er wäre auch gerne dort geblieben, wenn ihn nicht der Zufall zurück in den Woid geholt hätte. Jener Zufall hatte einen Namen: Erwin Eisch, Frauenauer Glaskünstler von internationalem Rang und neben Harvey Littleton Begründer der internationalen Studioglasbewegung. Es war Eisch, der die Idee dazu hatte, in Frauenau eine Akademie nach dem Vorbild der in den USA recht populären freien Sommerschulen  zu errichten. Und da er für die Umsetzung dieses Projekts unter anderem auch einen Organisator und  Geschäftsführer benötigte, fragte er kurzerhand seinen Freund Stan Dengler, der zu diesem Angebot nicht Nein sagen konnte.

Das Programm der Sommerakademie war von Anfang an reichhaltig, sollte jedoch schon nach kurzer Zeit  zum Jahresprogramm ausgebaut werden, um auch Veranstaltungen für Musik und Theater eine Bühne bieten zu können. Dies war der Gründungsmoment des Gasthaus' Gistl, das am 15. April 1990 (nur einen Katzensprung vom Frauenauer Bild-Werk entfernt) in der ehemaligen Glashütten-Wirtschaft das Licht der Welt erblickte. Die Bewirtung übernahm - damals noch neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer - Dietmar Dengler.

Ein Wirt mit Leib und Seele

Und ja, er ist in seine neue Rolle im Laufe der Jahre hineingewachsen. Wirt mit Leib und Seele ist er mittlerweile. Zwar kein typischer, weil, wie er selbst sagt, das Gistl ja auch "kein normales Wirtshaus ist", das seine Gäste mit Servicepersonal, Koch, Speisekarte und gediegener Hintergrundmusik empfängt. Jedoch einer, der es verstanden hat, seinen Besuchern so zu begegnen, dass sie beim nächsten Mal gerne wiederkommen - und das nicht nur wegen der außergewöhnlichen Live-Konzerte.

Schnell fällt auf: Stan Dengler ist jemand, der die Menschen mag, weshalb sie vermutlich auch ihn schnell in ihr Herz schließen - als sehr umgänglichen, unterhaltsamen und vor allem redseligen Zeitgenossen. "Während der Woche kommen eher die Einheimischen. Es gibt ja sonst kein Wirtshaus mehr in der Au. Zu den Konzerten, die meist am Wochenende stattfinden, kommen dann auch Leute von außerhalb", berichtet der 56-Jährige. Das Schöne: Angehörige jeder Gesellschaftsschicht - vom Arbeitslosen bis zum Apotheker -  sind im Gistl vertreten. Vom Intellektuellen bis zum Einfach-Gestrickten. Alter und Herkunft: egal. So abgedroschen es auch klingen mag: Beim Gistl findet jeder seinen Platz.

Was ihn als Wirt qualifiziert: Er kann reden wie ein Buch. Und Bücher zählen - neben seinem sozialen Engagement für die Umwelt und seiner politischen Arbeit als dritter Bürgermeister im Frauenauer Gemeinderat - zu seinen größten Leidenschaften. Geschichte und Philosophie sind seine Steckenpferde. Besonders die Werke von Nietzsche, Heidegger und Hegl haben's ihm angetan. Zumeist führt er sich diese mitten in der Nacht, wenn er mal nicht hinter der Theke steht, bei sich daheim zu Gemüte - "dann ist's am schönsten, weil da hab' ich zu 100 Prozent meine Ruh". Die großen Fragen der Menschheit sowie die dazugehörigen Antworten der großen Denker interessieren ihn seit seiner Studienzeit. Stundenlang kann man sich mit ihm darüber unterhalten, ohne dass einem dabei langweilig wird.

"So kompliziert sind die gar nicht", sagt Stan Dengler, nimmt einen Zug von seiner R1 und unterstreicht dann seine Worte noch einmal mit der These: "Die Philosophie ist nichts Abgehobenes. Die gibt's auch hier im Wirtshaus." Nicht nur die Sprache seiner internationalen Gistl-Gäste fasziniert ihn, sondern vor allem auch die Sprache der Gelehrten. "Sie ist das Haus des Seins", beginnt er passend dazu Heidegger zu rezitieren - und übersetzt sogleich den hehren Sinn dieser Aussage ins Bairische, der da lautet: "Ohne Sprach' dad ma dahi wia d'Erpfekäfer."

"Auch mal was sein lassen"


Doch das Philosophische werde heutzutage leider allzu häufig reduziert und unterdrückt. "Alles wird nur noch technisch gesehen", sagt er und verweist wiederum sogleich auf Heideggers Kritik an der "Technik als Gestell". Die Erde werde, so Dengler, nur noch als Ressourcen-Lieferant betrachtet - "das darf und kann alles nicht so sein", prangert der Gistl-Wirt an. "Auch die Geisteswissenschaften, das Soziale ist wichtig." Stan ist in seinem Element. Avantgardistisch. Vordenkerisch. Kritisch. "Ja, ich streite gern", sagt er zufrieden. Jedoch immer nur mit Worten, wie er betont. Und zieht an seiner Zigarette.

In der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald lebt und arbeitet Dietmar Dengler gern. Als bekennender Nationalpark-Befürworter vertritt er die Philosophie: "Auch mal was sein lassen." Und bezieht sich dabei erneut auf Heideggers Freiheitsgedanken aus dem Werk "Von Seinkönnen zum Seinlassen". Motto: Nicht immer in die Natur eingreifen und versuchen, sie sich Untertan zu machen. Auch mal abwarten. Etwas loslassen. Schauen, wie sich die Dinge entwickeln. Mit Zeit. Mit Ruhe. "Und hie und da mal bei einem Bierchen im Gistl den Herrgott einen guten Mann sein lassen", sagt Dietmar Dengler und lacht. Jetzt hat sich der andere Stan (Laurel) doch noch gezeigt…

Diese Seite auf Facebook teilen!