Vom Wald das Beste (08): Tourismus-Pionier Fritz Wenzl

Auf den ersten Blick wirkt Fritz Wenzl wie der klischeehafte Waidler schlechthin. Stämmige Statur, Vollbart, grimmiger Blick. Lernt man den 61-Jährigen jedoch näher kennen, merkt man schnell, dass sich hinter der mächtigen Erscheinung ein sehr feiner Geist verbirgt. Der Langdorfer, seit 35 Jahren Leiter der örtlichen Tourist-Info, ist einer, der sich Gedanken macht. Einer, der über den Tellerrand blickt, das Große und Ganze stets im Auge behält. Geht es um "seinen" Bayerischen Wald, gerät Fritz Wenzl aufgrund der Schönheit der hiesigen Natur regelrecht ins Schwärmen. Er macht aber auch deutlich, dass vor allem im Tourismusbereich viele Versäumnisse aufgeholt werden müssen. "Der Gästekuchen wir immer kleiner, die Esser aber mehr", fasst er die aktuelle Urlauber-Situation im Woid kurz und prägnant zusammen.

"Der Gästekuchen wird immer kleiner, die Esser aber mehr"

Nicht nur die Begrifflichkeiten - das aus heutiger Sicht eher unpassende, altbacken wirkende Wort "Fremdenverkehr" ist dem international geläufigen Terminus "Tourismus" gewichen - haben sich verändert, auch der Anspruch der Gäste ist ein anderer geworden. Die vor allem in früheren Zeiten als Beherbergungsbetriebe bezeichneten Unterkünfte müssen heute um jede einzelne Buchung kämpfen. Müssen mit Alleinstellungsmerkmalen aufwarten, um wahrgenommen zu werden. Dies stellt Fritz Wenzl mit einem leicht wehmütigen Unterton fest, wenn er über die touristische Entwicklung in den vergangenen Jahren spricht. Er kann sich noch genau an die Zeit nach der Wende erinnern, als viele Ostdeutsche mit Bussen in den Bayerischen Wald "gekarrt" wurden - und diese sich mit der Unterbringung in "Fremdenzimmern", einem Heimatabend und Wanderungen auf die Bayerwald-Berge zufrieden zeigten. Inzwischen ist ein Wellnessbereich mit Whirlpool und Sauna fast schon Pflicht. "Der Tourismus war lange Zeit ein Selbstläufer - weshalb über die Jahre hinweg viele Vermieter bequem geworden sind. Das ist aber nicht gut. Wir dürfen uns vor Neuem nicht verschließen - wir müssen stets an unserem Image arbeiten."

Diese Worte sollen keinesfalls als besserwisserisch verstanden werden. Vielmehr als Mahnung. Fritz Wenzl ist keiner, der den Tourismus vor allem aufgrund von wirtschaftlichen Hintergedanken stärken möchte. Er ist einer, der zu seiner Heimat, dem Bayerischen Wald, seine Liebe entdeckt hatte - und diese mit möglichst vielen Menschen teilen möchte.

"Ich bin einfach Familienmensch"

 

Bereits in jungen Jahren verbringt der Langdorfer "Eingeborene", wie er sich selber bezeichnet, viel Zeit in der Natur. "Mein Vater war bei Glas Schott angestellt, meine Mutter hat einen Lebensmittelladen betrieben - ich hatte viele Freiheiten. Meine Kindheit - eine wunderschöne Zeit", erinnert sich Fritz Wenzl, der nach seinen Worten kurz inne hält. Es scheint, als fühle er sich in diese Zeit zurückversetzt. Als wäre er wieder ein Teil von ihr.

Nachdem er das Gymnasium nach der elften Klasse abgebrochen hatte, lockten ihn Werber zum Grenzschutz, der heutigen Bundespolizei. "Ein Ergebnis meiner Flegeljahre. Ich hatte keinen Bock auf irgendetwas. Und beim Grenzschutz konnte ich mir meine Hörner abstoßen." Unter anderem als Leibwächter des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel war er Zeuge der hoch explosiven Zeit rund um die RAF-Terroristen. Obwohl er diese Erfahrungen nie bereut hatte, kehrte er Ende der 70er gerne in den Landkreis Regen zurück. Einerseits wollte er seiner noch jungen Familie fernab von Anschlägen und Geiselnahmen ein sicheres Zuhause bieten. Andererseits vermisste er die hügeligen Landstriche des Bayerischen Waldes. "Ich bin einfach Familienmensch", stellt Fritz Wenzl fest. Per Zufall - beim Frühschoppen am Stammtisch - erfuhr er damals, dass in der Gemeindeverwaltung Langdorf Personal gesucht wurde. Er bewarb sich - und ist 1978 eingestellt worden.

Mit den Worten "Du machst das schon" wurde er nach einer entsprechenden Ausbildung mit dem Amt des Verkehrsamtsleiters, eine damals geläufige Bezeichnung für den Tourist-Info-Chef, betraut. Obwohl er sich erst nach und nach in die Materie einarbeiten musste, konnte sich Wenzl mit seiner neuen Aufgabe gleich voll identifizieren, wie er rückblickend sagt. "Mein großer Vorteil: Ich bin ein Menschenfreund. Der Umgang mit Leuten macht mir Spaß." Bei seiner Arbeit orientiert er sich zunächst am aufstrebenden Urlaubsort Bodenmais, der nur wenige Kilometer von Langdorf entfernt liegt. "Siggi Weikl, der damalige Bürgermeister von Bodenmais, war mein Vorbild. An ihn habe ich mich drangehängt." Aufgrund seiner Zeit fernab des Arbers und seinen vielen Wanderungen in der Region, wusste Fritz Wenzl sogleich, mit welchen Argumenten er den Bayerischen Wald bei den Gästen anpreisen möchte.

Der Social-Media-Junkie

 

Der heute 61-Jährige kennt seine Heimat nicht nur aus den vielen Broschüren, die - trotz der fortschreitenden Digitalisierung - nach wie vor in der Langdorfer Tourist-Info in gedruckter Version ausliegen. Gemeinsam mit seiner Familie bewandert der Waidler seit jeher auch viele exponierte Orte rund um den Arber, den Lusen und den Rachel - und hält seine Eindrücke dabei stets mit der Fotokamera fest. Auf diesen Touren kann er seine beiden Leidenschaften, die Fotografie und die Natur, bestens miteinander verbinden - zum Wohle des Tourismus. Denn obwohl Wenzl betont, dass er Privates und Berufliches voneinander trennt, kann er eine gewisse Überschneidung nicht leugnen. Seine Bilder werben vor allem im Netzwerk Facebook auf überregionale Weise für den Woid. Als Gründer und Admin der reichweitenstarken Facebook-Gruppe "I red' boarisch ... und Du?" ist er, wie er selbst sagt, nicht nur ein "Social-Media-Junkie" der ersten Stunde, sondern auch ein Repräsentant der bayerischen Kultur und Sprache.

Wie bei so vielen Dingen in seinem Leben kam auch bei den Sozialen Netzwerken Fritz Wenzl eine Eigenschaft zu Gute, die ihn Zeit seines Lebens begleitet: Er steht Neuerungen aufgeschlossen gegenüber, macht sich immer selber ein Bild von Innovationen, anstatt meist wenig gehaltvolle Allerweltsmeinungen nachzuplappern. Das einzige, was ihn an der Entwicklung in den vergangenen Jahren stört, ist die Hektik, die durch die ständige Erreichbarkeit via Telefon, Handy, E-Mail und Facebook größer und größer wird. "Früher hatte man - zum Beispiel mit dem Schreiben von Briefen - mehr Arbeit. Es hat aber auch mehr Spaß gemacht", erklärt Wenzl. Inzwischen sei er auch eher der Kümmerer als das Sprachrohr der Vermieter. Die potenziellen Gäste wollen während ihres Urlaubs einen gewissen Kick erleben, dazu preisgünstig wohnen, aber auch eine einmalige Zeit erleben.

Als Touristiker muss er - ob er will oder nicht - diese Trends zeitnah wahrnehmen und dann auch in der Gemeinde Langdorf entsprechend in die Praxis umzusetzen versuchen. Wobei sich der 61-Jährige vom Einzelkämpfertum längst verabschiedet hat. Er ist ein großer Verfechter von touristischen Verbünden - wie zum Beispiel der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald. "Das kleine Langdorf hat doch im großen, weltweiten Anbieter-Pool keine Chance. Wir müssen uns gemeinsam als Destination vermarkten. Nur so kann's langfristig funktionieren." Urlaubsgäste nehmen während ihres Aufenthalts keine Gemeinde-, Landkreis- oder gar Ländergrenzen wahr - deshalb sei es umso wichtiger, sich vom ausgedienten Kirchturmdenken endgültig zu verabschieden. "Man darf hier aber keine Wunder erwarten. Das ist ein langwieriger und schwieriger Entwicklungsprozess."

Immer wieder ertappt sich Fritz Wenzl beim Erzählen dabei, wie er berufliche Ziele und private Gedankengänge miteinander vermengt. Er ist halt doch durch und durch Touristiker - und im Woid dahoam wie kein zweiter. Ein bayerwäldlerisches Vorzeigeobjekt - vor allem auch hinsichtlich seiner persönlichen Einstellung.

Ab und zu jedoch, sagt er, zieht er sich vollkommen zurück, steigt kurzfristig aus dem Alltag aus. Dann genießt er eine frische Halbe Bier auf seiner Terrasse. Abschalten. Weg von der Hektik, vom Stress. Dabei hat der 61-Jährige stets die Wiesen und Wälder des Bayerischen Waldes im Blick. Für ihn: pure Erholung…