Vom Wald das Beste: Annemarie Schiller und die Regener Postkeller

Annemarie Schiller Postkeller Regen

Regen. Annemarie Schiller hat Blut geleckt. Sie mobilisiert ihren Mann Franz, die Kinder und Enkel, steckt sie mit ihrer Euphorie an und überzeugt sie davon, sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Unzählige Stunden verbringt Familie Schiller in der Folge "auf dem Postkeller", wie die Regener diesen Teil ihrer Stadt nennen, und sucht nach Überbleibseln der bewegten Vergangenheit dieses Ortes. Nach den historischen Kellern, die sich Aufzeichnungen zufolge auf diesem Areal befinden sollen…

Dabei wollte Annemarie Schiller – trotz ihrer Begeisterung für die Stadtgeschichte – von diesen unterirdischen vorzeitlichen Kühlschränken der Regener Brauereien zunächst gar nichts wissen. Der Grund: "Ich dachte immer, ich hätte Platzangst." Im Rahmen einer Führung durch die Kreisstadt wagte sie schließlich doch einen Blick in einen offenliegenden Teil der altehrwürdigen Gemäuer - und kam seitdem nicht mehr davon los.
 

"Nein, ich habe überhaupt nichts bereut."


Elf Jahre liegt dieser Schlüsselmoment inzwischen zurück. Beim Ortstermin in Regen sitzen Annemarie Schiller und ihr Mann Franz in einem eigens angefertigten Besucherpavillon - direkt vor dem frisch restaurierten Weißbier-, Breinwirt- und Postkeller. Der allwöchentliche Arbeitstreff vieler Gleichgesinnter am Dienstagvormittag liegt hinter ihnen. Auf den ersten Blick erinnert nichts an die mühsamen und arbeitsreichen, aber auch schönen Jahre, die die Schillers in jenen Ist-Zustand investiert haben. "Nein, ich habe überhaupt nichts bereut", blickt Annemarie Schiller zurück. Die 67-Jährige wirkt dabei vollkommen aufgeräumt. Sie tut ihre Leistung als Nebensächlichkeit ab, obwohl sie - aus stadthistorischer Sicht – wahrlich Großes geleistet hat. Diese Bodenständigkeit, diese Bescheidenheit – sie ist typisch für den Menschenschlag der Waidler.

Eher zufällig wurde Annemarie Schiller auf die - zum damaligen Zeitpunkt längst vergessenen - Keller aufmerksam. Um diese Geschichte erzählen zu können, muss sie allerdings etwas weiter ausholen. Geboren und aufgewachsen in Regen, bezeichnet sich die heute 67-Jährige als "Eingeborene“. Als jemand, dem seine Heimat am Herzen liegt. Als Bürgerin, die sich dafür einsetzen will, dass "ihre" Stadt ins rechte Licht gerückt wird. Dabei erreichte sie in jungen Jahren zunächst der Ruf der Großstadt: Nach erfolgreicher Schulzeit absolvierte sie eine Ausbildung zur Finanzbeamtin in München. Eine schreckliche Zeit, wie sie sagt, in der sie - von Heimweh geplagt - schnell wieder zurück in den Woid wollte. "Am Montag, vor der Abfahrt, habe ich immer geweint. Und am Freitag, wenn ich wieder die Berge und die Wälder gesehen habe, war ich glücklich."



"Wenn ich die Berge und Wälder gesehen habe, war ich glücklich."


Der Beruf – Annemarie Schiller kehrte nach erfolgreicher Ausbildung zurück nach Regen, arbeitete zunächst bei einem Steuerberater und später als Hausverwalterin – war Zeit ihres Lebens ausschließlich Mittel zum Zweck. Obwohl sie eigenen Aussagen zufolge gut mit Zahlen umgehen kann, entwickelte die zweifache Mutter bereits früh eine Leidenschaft für das Schreiben. Sie verfasste Theaterstücke, vor allem Komödien mit einem ernsten historischen Hintergrund. Mit der "Weltberühmten freien und wilden Theatergruppe schwarzer Leberkäse" trat sie regelmäßig auf, wurde zu einer regionalen Berühmtheit. "Einmal haben wir sogar eine Tour gestartet - es ging nach Tittling", erzählt sie und lacht.

2007 endete diese Zeit- es wurde immer schwieriger, gute Schauspieler zu bekommen. "Und wenn sich Freiwillige gefunden haben, waren sie meist sehr anstrengend", blickt Annemarie Schiller zurück. Trotzdem wird ihr die Zeit als Autorin, Regisseurin, Kostümschneiderin, Bühnenbauerin und – oftmals auch noch – als Schauspielerin immer positiv in Erinnerung bleiben. Böses Nachkarten ist nicht das Ding der 67-Jährigen. Zumal das wohl prägendste Interesse der Regenerin mit den Theaterstücken einhergeht: die Faszination für die Geschichte ihrer Heimat, verbunden mit einem wahrhaftigen Forscherdrang. "Ich weiß nicht warum, aber die alten Geschichten und Erzählungen haben mich schon immer angezogen."

Und genau aus diesem Grund hat sie auch regelmäßig Stadtführungen durchgeführt. Sie wollte - sowohl den Einheimischen als auch den Touristen – dabei aufzeigen, welch große und interessante Vergangenheit die Stadt Regen vorweisen könne. Sie wollte, dass viele geschichtliche Ereignisse und Überlieferungen nicht in Vergessenheit geraten. Zu jenen bleibenden Einrichtungen gehören auch die Keller in der Nähe des heutigen Stadtplatzes. "14 Brauereien hat es im 19. Jahrhundert in Regen gegeben; diese haben 22 Bier- und Eiskeller angelegt, um ihre Getränke kühlen und reifen lassen zu können", berichtet Annemarie Schiller. "Leider wurden diese historischen Kühlschränke irgendwann überflüssig. Man hat sie zugemüllt und verfallen lassen. Viele waren von außen gar nicht mehr zu erkennen."
 

"Sie hod agschoffd, i ha d‘Oawad g‘hod"


Was folgte, war jener Schlüsselmoment in Annemarie Schillers Leben. Von da an organisierten sie und ihr Mann Franz ("Sie hod agschoffd, i ha d‘Oawad g‘hod") – sowie später mit dem eigens dafür gegründeten Verein „Postkellerfreunde e.V.“ – die Freilegung, Entrümpelung und Restaurierung dreier Keller sowie die Suche nach Informationen über die altehrwürdigen Orte. Viele Stunden und Nerven blieben dabei auf der Strecke. Doch die Mühen haben sich gelohnt. "Ansonsten wären diese geschichtsträchtigen Gemäuer wohl endgültig in Vergessenheit geraten", ist sich Annemarie Schiller sicher. Obwohl das Wissen über die Standorte weiterer Keller vorhanden wäre, bleibt es – vorerst – bei der Wiederherstellung des Weißbier-, Breinwirt- und Postkellers. "Irgendwann geht es einfach nicht mehr", verdeutlicht die 67-Jährige, ohne dabei mutlos zu wirken.

Die drei renovierten Keller stellen bereits einen hohen kulturellen Wert für die Stadt Regen dar, wenngleich Annemarie Schillers Vorhaben zunächst kritisch beäugt worden ist. "De spinnt o!" – "Wos mechds denn mit de oidn Stoana do!" - diese und andere Reaktionen riefen die Pläne der 67-Jährigen vor elf Jahren hervor. Längst sind über diese Aussagen Gras gewachsen. "Ich denke, jeder ist sich inzwischen bewusst, welchen Stellenwert diese Keller für Regen haben", betont Annemarie Schiller. Denn nicht nur in stadthistorischer, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht sind die alten Gemäuer mittlerweile voll akzeptiert.

 

"Ich denke, so haben wir einen guten Mittelweg aus Vergangenheit und Gegenwart gefunden."


Der Weißbierkeller ist zu einer gemütlichen Einkehrmöglichkeit geworden, in der die Führungen oft ausklingen. Im Breinwirtkeller können sich Paare standesamtlich das Ja-Wort geben. Und im Postwirtkeller, dem größten, wohl bekanntesten und für den Ortsteil sowie den Verein namensgebenden Keller, finden regelmäßig Auftritte von Kabarettisten und Musikern statt. Zwar wurden die einstigen Lagerräume zweckentfremdet, doch viel wichtiger ist der Erhalt dieser steinernen Räumlichkeiten. Schautafeln an den Wänden stellen darüber hinaus deren Geschichte in Wort und Bild ausführlich dar. "Ich denke, so haben wir einen guten Mittelweg aus Vergangenheit und Gegenwart gefunden."

Und obwohl Annemarie Schiller immer wieder betont, dass sie, was die Keller betrifft, etwas müde geworden sei, kann sie ihr Herzblut und ihren Tatendrang nicht wirklich verbergen. Immer wieder erklärt sie, was rund um die Gemäuer noch gemacht werden muss, welche Arbeiten demnächst anstehen und welche Veranstaltungen geplant sind. Franz Schiller schmunzelt nur. Auch für ihn geht es weiter. Spätestens am nächsten Dienstagvormittag, wenn die Postkellerfreunde wieder ihren fast schon traditionellen Arbeitstreff abhalten. Denn inzwischen hat auch der 75-Jährige – mehr oder weniger freiwillig – Blut geleckt…