Vom Wald das Beste: Bildhauer, Künstler, Einsiedler Peter Voglsperger

Peter Voglsperger

Kanau. "Stilles bescheidenes Leben gibt mehr Glück als erfolgreiches Streben, verbunden mit beständiger Unruhe" - dieser Satz stammt von Albert Einstein. Er könnte allerdings genauso gut von Peter Voglsperger sein. Der 56-jährige Bildhauer lebt seit gut einem Jahr in einem sehr außergewöhnlichen „Häuschen“, das er sich am Rande des Bayerwald-Dorfes Kanau mit seinen eigenen Händen erschaffen hat.

Er lebt dort ganz alleine. Ohne Strom, ohne fließend Wasser, ohne Heizung. Er bezeichnet sich als „geselligen Einsiedler“, der die Nähe zu den Menschen manchmal durchaus schätzt. Ein scheinbarer Widerspruch - mit einer einfachen Erklärung: „Ich mag mir meine Geselligkeit selbst aussuchen.“ Über einen echten Lebenskünstler, der über viele Umwege zu seiner „innerlichen Weltreise“ aufgebrochen ist.
 

Ein Bett, ein Ofen, ein Tisch, zwei Stühle, ein paar Bücher, einige Haushaltsutensilien. Recht viel mehr ist es nicht, was Peter Voglsperger, der aus Vornbach am Inn stammt, zum Leben braucht. Vereint auf etwas mehr als zehn Quadratmetern. Dazu die zwei riesigen Fenster, durch die er die Natur, seine unmittelbare Umgebung, zu jeder Jahreszeit beobachten kann. Es wirkt gemütlich. Behaglich.

Auf das Wesentliche reduziert

Die Zeit zu haben hier zu sitzen, Kaffee zu trinken und aus dem Fenster zu schauen, zu sehen, wie die Blätter vom Baum fallen. Mal ein Buch zu lesen. Dann wieder etwas zu arbeiten. Das ist es, was der Mann mit den freundlichen Augen zu schätzen gelernt hat. Das ist es, was ihn erfüllt. Sich seine Zeit selbst einteilen zu können. Ein Leben ohne Kompromisse, auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichtet, auf das Wesentliche reduziert. 

Ein einschneidendes Erlebnis, eine bewusste Entscheidung, die ihn dort hingeführt hatte, wo er jetzt ist, gab es nicht. Ein „Davon-Läufer“ sei er Zeit seines Lebens gewesen, sagt er. Das mit dem Davonlaufen hat in der aus seiner Sicht traumatischen Schulzeit begonnen. Da hat er Antworten bekommen auf Fragen, die er nie gestellt hat. Die Bäcker-Lehre in München war wenig Geld für ganz viel Arbeit, sagt er. „Ich habe gemerkt: Das Leben ist nicht schön.“ Danach wieder zur Schule, Fachabitur. Dann kurzzeitig nach Berlin zum Studium. Alles nichts für ihn. Er wollte raus, sich von den Zwängen der Gesellschaft befreien. 

Wissen, wer er ist - und für was er da ist


Deshalb ging er auf Reisen, schaute sich die Welt an. Sich selbst finden. Wissen, wer er ist - und für was er da ist. „Es war ein Davonlaufen - vor etwas, wozu ich gerade keinen richtigen Bock hatte. Ich wusste nie genau, was ich mag – das ging mir auf die Nerven“, blickt er heute zurück.

Mit zwei Kumpels fuhr er nach dem Zivildienst für zweieinhalb Monate nach Indien. Doch schnell war klar, dass er alleine weiterziehen musste. Denn mit den Freunden hatte er immerzu seine eigene Lebensgeschichte mit dabei. Das Flüchten vor den Zwängen und vor sich selbst entwickelte sich zu einer Art Reisezwang. Zehn Jahre war er unterwegs. Zwischendrin immer wieder mal in heimischen Gefilden, um Geld für neuerliche Reisen zu verdienen.

Auf einer davon – er trampte gerade über die Türkei nach Persien – lernte er seine spätere Ehefrau kennen, von der er seit vielen Jahren getrennt lebt. Fariwa - eine, wie er sagt, „wunderschöne Frau“, für die er am Ende zum Islam konvertierte, um sie zu heiraten. Er lebte zuerst bei ihr, dann kam sie zu ihm nach Deutschland. Doch es klappte nicht. „Wir hatten zu unterschiedliche Vorstellungen vom Leben“, sagt er heute. „Persien hat eine total andere Kultur – sie ist nicht schlechter, sie ist anders. Sie hatte sich in meinen Pass verliebt – von meiner Seite war großes Begehren.“ Die Zeit mit ihr möchte er dennoch nicht missen.

"Du könntest dir jetzt ein Fahrrad besorgen und damit bis ans Ende der Welt fahren"


Nach einem kurzen Intermezzo an der Berliner Fachhochschule, wo er sich für den Studiengang „Lebensmitteltechnologie“ eingeschrieben hatte, zog es ihn erneut weg von daheim. „Du könntest Dir jetzt ein Fahrrad besorgen und damit bis ans Ende der Welt fahren“, sagte er zu sich selbst, als er sich wieder mal als Gelegenheitsjobber auf einer Baustelle mit laut herumschreienden Arbeitern verdingte. Am nächsten Tag schon kaufte er sich ein neues Rad - zehn Tage später brach er damit Richtung Indien auf.

„Ich bin kein Sportler“, sagt er. „Sport ist für mich eine Leistungssache. Doch ich weiß: Wenn ich mich bewege, fühle ich mich gut.“ Ein Wohlbefinden, das sich auch auf seiner Reise ans Nordkap einstellte, wohin er sich von Haidmühle aus mit einem Kajak aufgemacht hatte. Dorthin, wo keine Leute sind. „Einfach irre“, denkt er heute zurück an diesen unvergesslichen Trip.  Über die Moldau nach Prag, dann weiter nach Dresden in die Elbe bis zum Lübecker Kanal, anschließend rüber zur Ostsee, von da in die Nordsee und die Küste entlang bis hinauf zum Kap. Mehrere Monate war er unterwegs. Und er kam am Ziel an.

Irrationale Ängst bremsen uns ein


Doch es war nicht nur ein Kampf gegen die Natur, die mit der Zeit zu seinem Verbündeten wurde, sondern vor allem mit sich selbst. „Der Wille war da, meine Entscheidung aus tiefster Überzeugung getroffen - und ich hab mir immer vorgestellt, dass ich es schaffe.“ Vor allem seine Ängste konnte er dabei – auf die für ihn kompromisslose Weise - besiegen, sonst wäre er gestrauchelt. „Unsere Ängste und unsere Vorstellungen von dem, was sicher ist und was nicht, sind in jedem Moment des Lebens zu überdenken“, wie er heute weiß. „Irrationale Ängste, die heute an allen Ecken und Enden geschürt werden, bremsen uns ein. Die Angst davor, was morgen sein wird, ist bei vielen Leuten in den Köpfen vorhanden. Und das schwächt sie. Darum meide ich die Menschen häufig, weil sie alle so viele Ängste mit sich herumtragen – und mit diesen sich selbst und ihre Umgebung blockieren.“

„Irgendwann haut’s jeden einmal um – und das darf auch so sein“, sagt Peter Voglsperger und nippt an seinem Kaffee. „Doch wenn ich mich jeden Moment meines Lebens wegen dem verrückt mache, was mir einmal passieren könnte, wenn ich alt und deppert bin – ja dann bin ich ja schon der Depp, bevor ich alt werde. Das haut nicht hin. Und das gilt es zu überdenken.“ Während seines Kajak-Trips ist ihm bewusst geworden, wie kopfgesteuert der Mensch sein Dasein fristet. „Wie dominant der Verstand im Leben ist.“ Die Frage, die er sich seit jeher stellt: „Wie handlungsfähig ist der Mensch, wenn er dem Kopf nicht alles überlässt?“ Sein Lösungsweg: „Die Welt ist so, wie man sie selbst erfindet – wenn sie zu grauslig ist, dann erfinde ich sie eben neu.“

Die Welt ist so, wie man sie selbst erfindet


Nachdem das Geld erneut knapp wurde, fuhr er für ein niederbayerisches Reiseunternehmen Touren nach Norwegen, Großbritannien oder Pakistan. Die Arbeit war anstrengend. Er war viel unterwegs, zuhause im Passauer Land kannte ihn schon fast keiner mehr. Irgendwann hing er auch diesen Job wieder an den Nagel – und fuhr Taxi in München. Dabei lernte er eine Frau aus der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald kennen, mit der es ihn dorthin zog. „Ein Landstrich, der mir behagt. Das Geradlinige der Leute, die nicht ganz so offen sind wie anderswo. Das Karge, das Einfache. Das hat was.“

Ich habe gespürt: "Das ist mein Fleck"


Seine Mutter und Großmutter, die aus dem Böhmischen stammen, haben ihm oft von der „staaden Zeit“ im Woid erzählt. „Danach hab ich mich immer gesehnt“, sagt er. Im letzten Winter hat er die „staade Zeit“ zum ersten Mal selbst erlebt.
Das Grundstück bei Kanau, auf dem sich heute sein „Dyogi“ befindet – so nennt er das fassähnliche, auf einem Anhänger als Fundament in Eigenregie errichtete und mit etwa 8.000 handgemachten Schindeln verzierte Häuschen – fand er per Zufall über eine Zeitungsannonce.

„Ich hab mich hier sofort wohl gefühlt“, sagt er. „Ich habe gespürt: Das ist mein Fleck. Hier kann ich ein selbstbestimmtes Leben führen“. Und fügt an: “Je länger ich hier bin, desto klarer wird alles. Desto mehr fällt alles von mir ab, was eigentlich überhaupt nichts mit mir zu tun hat.“ Hier im Woid hat er seine Ruhe – und kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. „Ich mag keine Zerstreuung. Ich will mich sammeln, will herausfinden, was ich mag. Und wenn ich das dann weiß, dann will ich’s tun. Dann wird’s auch was.“
 

Die Freundin, die ihn in den Woid brachte, ging – Peter Voglsperger blieb. „Wir sind ein Stück des Weges miteinander gegangen - jetzt geht jeder wieder seinen eigenen.“ Seitdem lebt er dort ohne direkte menschliche Gesellschaft – mit seinen beiden Schafen „Lolek und Bolek“, seinen Honigbienen, der Natur im Wandel der Jahreszeiten - und mit seiner Kunst, die ihn mittlerweile ernährt. „Ich brauche nicht viel Geld, weil ich sehr reich bin“, sagt er.

„Da ist eine Quelle, die mich mit Wasser versorgt. Da sind Apfelbäume. Da ist die wunderbare Natur. Da sind sehr nette Nachbarn. Ich habe Zeit. Ich habe alles“, zählt er zufrieden auf und lacht. „Es gibt sogar ein selbstgebautes Kompostklo, droben auf dem Hügel - wenn ich da einmal nicht mehr raufkomme, dann wird’s Zeit zum Sterben.“ Jetzt lacht er laut.

„Für die Leute im Dorf bin ich der Einsiedler – aber im positiven Sinne. Das Image stresst mich nicht“, sagt er, der sich selbst nicht als „klassischen Eremiten“ bezeichnen würde – denn er ist von Zeit zu Zeit gerne bei den Menschen, spricht mit ihnen, hilft ihnen bei der Gartenarbeit, trinkt auch mal ein Bierchen am Stammtisch mit. An einem bestimmten Image will er nicht festhalten, will nicht der große Reisende sein, auch nicht der Bildhauer.

„Ich habe nicht die fixe Vorstellung von dem, wer ich sein möchte. Wenn ich das, was mir am Herzen liegt, mache, bin ich auf einem guten Weg“, sagt er. „Im Moment finde ich das Leben bei der Bildhauerei lebenswert.“ Sie ist es, die ihm erstmals so etwas wie Struktur in seinem Dasein verschafft. Und den richtigen Blick auf die Dinge. Die nötige Achtsamkeit. Und die Möglichkeit, seiner Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen.

Als kleiner Bub war ihm das Zeichnen, Malen und der Umgang mit Plastilin am liebsten. Früh konnte er so ein gewisses handwerkliches Geschick entwickeln. „Tasten und Abfühlen“, das ist sein Wetter, sagt er. In München hatte er einen Holzbildhauerkurs besucht. Danach besorgte er sich eine Werkbank für den heimischen Gebrauch.

„Ich habe schnell gemerkt: Das ist echte Leidenschaft. Ein echtes Bedürfnis.“ Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Bildhauerei zu einer Art Sucht, wie der 56-Jährige offen zugibt. „Etwas, mit dem man nicht aufhören kann.“ Seine Kunst ist ein bisschen wie Musik, sagt er. Mit einer Botschaft – und allem Herzblut, die ein Künstler wie er darin vereinen kann. 

Das ist eine echte Leidenschaft. Ein echtes Bedürfnis.


„Alle Menschen wollen sich ausdrücken. Wenn sich ein Kind freut, klatscht es in die Hände. Und wenn es traurig ist, dann weint es. So sind wir Erwachsenen auch. Wenn ich traurig bin, dann kommt dieses Gefühl in die Skulptur mit rein. Auch wenn ich fröhlich bin, grantig bin“, sagt Peter Voglsperger. Sein Bedürfnis, sich mitzuteilen, ist der Hauptmotivationsgrund seiner Bildhauerei. Seine Sprache. Wenn er nicht ausdrückt, was ihn gerade bewegt, zerreißt es ihn. Dann erstickt er, sagt er.

Vier bis fünf regionale Ausstellungen, bei denen die Besucher seine Werke käuflich erwerben können, veranstaltet er im Jahr. Auf Formen hat er sich mittlerweile spezialisiert, seine Skulpturen, die Titel wie „Anmut“ tragen, werden dabei immer größer, stellt er fest. So wie die „Lindenfidel“ - ein von ihm selbst ausgehöhlter Bayerwald-Lindenstamm mit über einem Meter Durchmesser, den er mit der Hilfe eines seiner Künstlerfreunde zum überdimensionierten Saiteninstrument umfunktionierte. Ein Unikat, das es so nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

„Je älter ich werde, desto weniger Wohnraum benötige ich. Desto mehr Lebensraum brauche ich.“ Peter Vogelsperger ist sein eigenes Experiment, sagt er. „Wenn Du über einen längeren Zeitraum ein anderes Leben lebst, alles Überflüssige loslässt, macht das einen anderen Menschen aus Dir. Du erschaffst Dich neu. Ich bin einer der wenigen, die von ihrer Kunst leben können. Nicht, weil ich so wahnsinnig viel damit verdiene, sondern weil ich wenig brauche – oder weil ich eh schon alles habe“, sagt er und lacht wieder dieses schelmische, aber auch recht herzliche Lachen. Es geht um die Perspektive. Den Blick aufs Leben.
 

Ich bin mein eigenes Experiment


Eine Perspektive, die sich im Wandel der Zeit immer wieder geändert hat - und die ihn gelehrt hat, nicht mehr auszuweichen, nicht mehr vor sich selbst und seinen Ängsten davonzulaufen. „Weil ich merke, dass man für sich selber sehr wohl etwas bewegen kann, wenn man all seinen Mut zusammennimmt und sich vornimmt, es zu verwirklichen.“

TIPP: 

Am Samstag, 16.12.17, findet ab 18.30 Uhr, in der Pfarrkirche der Gemeinde Neuschönau das Konzert "Musik für die Seele" statt.

Im Mittelpunkt steht dabei die sogenannte "Tiglione", eine Lindenfidel. Diese hat Peter Voglsperger im Rahmen des Holzfestes Neuschönau entworfen. 

Lassen Sie sich überraschen!