Vom Wald das Beste: Freestyle-Hoffnung Aliah-Delia Eichinger

Aliah Delia Eichinger

Reichenberg/Berchtesgaden. Nur zwischen Weihnachten und Neujahr bleibt Zeit für Dinge, die 16-Jährige typischerweise machen: Sich mit Freunden treffen, Weggehen, die Großeltern besuchen, Skifahren. Einfach in den Tag hineinleben - ohne große Sorgen und Pflichten. Obwohl Aliah-Delia Eichinger aus Reichenberg (Gemeinde St. Oswald-Riedlhütte) ein etwas anderes Leben als ihre Altersgenossen führt, möchte sie mit niemandem tauschen. Als Schülerin des Skigymnasiums in Berchtesgaden ist sie zwar weit weg von ihrer Heimat, dem Bayerischen Wald.

Dafür hat sie aber die einmalige Gelegenheit, unter professionellen Bedingungen an ihrem Talent zu feilen. Die junge Waidlerin gehört zu den deutschlandweit größten Nachwuchshoffnungen im Ski-Freestyle. Ihren ersten Weltcup hat sie bereits bestritten, die olympischen Spiele 2022 sind fest eingeplant.

Spricht Aliah Eichinger über ihre Ziele und Visionen, glaubt man keinesfalls, sich mit einem Teenager zu unterhalten. Selbstbewusst erklärt sie, wie sie es geschafft hat, in jungen Jahren bereits zur nationalen Freestyle-Spitze zu gehören. Für sie ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, sich ihren Alltag abseits von Eltern und Großeltern eigenständig zu organisieren. "Das habe ich immer schon so gemacht", sagt sie. "Meistens weiß meine Familie erst dann, wo ein Wettkampf stattfindet, wenn ich bereits dort bin."

Alles dreht sich ums Skifahren


Wohl behütet wuchs Aliah Eichinger am Rande des Nationalparks Bayerischer Wald auf. Gemeinsam mit Mama Steffi und Papa Heinz hat sie bis zur ihrem Auszug in Neuschönau gewohnt. Der Lebensmittelpunkt Eichingers befindet sich jedoch schon immer im Nachbarort Reichenberg, dem Wintersport-Mekka der Gemeinde St. Oswald-Riedlhütte. Dort betreibt Opa Heinz, früher selbst ein Klasse-Skifahrer, ein Sportgeschäft, ein Wirtshaus sowie einen kleinen Skilift. Dort stand Aliah bereits auf Skiern "noch bevor ich gehen konnte". Dort fühlt sie sich überaus wohl. "Mein Opa, mein Papa - bei denen dreht sich alles ums Skifahren. Irgendwie logisch, dass ich ebenfalls dieser Leidenschaft nachgehe."
Und schnell schiebt sie hinterher: "Natürlich bin ich auch gerne bei meiner Oma, der besten Köchin der Welt."

Diese familiären Momente sind im oft hektischen, von Training und Schule geprägten Leben der 16-Jährigen eher die Ausnahme - vor allem seitdem sie die Christophorus-Schule in Berchtesgaden besucht. Ein Sportinternat mit großem Renommee, das sie seit drei Jahren ihr "Zuhause" nennen darf. Den Schritt in die Fremde wagte sie ganz bewusst. Die optimalen Trainingsbedingungen, die hervorragend ausgebildeten Übungsleiter, das Miteinander unter Deutschlands besten Nachwuchssportlern. Umstände, die die Reichenbergerin hautnah miterleben wollte - unbedingt. Damit verbunden war das Verlassen der trauten Umgebung. "Heimweh hatte ich eigentlich nie", stellt die junge Frau fest, die mit Nachdruck ergänzt: "Ich musste einfach dahin. Das war meine große Chance."

Besuchte sie vor ihrer Zeit in Oberbayern - wie ihre Alterskollegen auch - eine Regelschule, gehört sie nun zu einem elitären Kreis aus sportlichen Roh-Diamanten. Trainierte sie vorher ausschließlich mit ihrem Vater auf den familieneigenen Pisten, kann sie sich nun auf eine professionell-ausgewogene Trainingsteuerung mit Konditions- und Krafteinheiten sowie Beweglichkeitsübungen verlassen. Dieser hochqualifizierten Ausbildung ordnet Aliah Eichinger ihr Privatleben unter. Das Streben nach Erfolgen besiegt die Sehnsucht nach heimischer Nestwärme. "Naja, ganz so streng läuft es auch wieder nicht", relativiert sie und schmunzelt. "Wir gehen auch schon mal weg. Und Freunde habe ich auch schon viele gefunden."

 

"Natürlich machen einem solche Nachrichten zu schaffen"


Trotz des zweifelsfrei vorherrschenden Konkurrenzdenkens beschreibt die Waidlerin das Miteinander in Berchtesgaden als harmonisch. Umso enger rücken die Nachwuchstalente zusammen, wenn etwa einer aus ihren Reihen verunglückt - so wie jüngst Ski-Talent Max Burkhart. Auch Schicksalsschläge wie die schwere Verletzung von Felix Neureuther oder der Tod von Abfahrer David Poisson sorgen immer wieder für Diskussionsstoff. "Natürlich machen einem solche Nachrichten zu schaffen", gibt Eichinger zu.

"Doch wir dürfen uns davon nicht verrückt machen lassen." Egal, welche Sportart man betreibt, eine gewisse Gefahr fährt immer mit. Um bestmögliche Leistungen abliefern zu können, gilt es derlei negative Gedanken aus dem Kopf zu bekommen. Zumal die 16-Jährige, die nach ihrem Abitur Mitglied im Sportförderkader der Polizei werden möchte, von einem kalkulierbaren Risiko spricht.
 

"Ich weiß, was ich mir zutrauen kann. Und mir ist auch bewusst, dass ich mich nicht übernehmen darf - sonst könnte es kritisch werden." Selbstbewusste und gleichzeitig sehr vernünftig klingende Worte der jungen Nachwuchshoffnung. Das "wilde" Fahren auf den Pisten in Reichenberg, die ersten Freestyle-Versuche auf selbstgebauten Schanzen - das alles hat den ein oder anderen blauen Fleck hinterlassen. Diese Erlebnisse haben aber auch dazu beigetragen, dass sich Aliah Eichinger einzuschätzen gelernt hat. Maßgeblichen Anteil an ihrer Entwicklung hatte dabei - neben ihrer Familie - Tommy Dötsch aus Zwiesel, einst Lehrer am Skigymnasium Berchtesgaden.

"In meinen Augen ist Aliah eine sehr ehrgeizige junge Sportlerin mit viel Potenzial. Sie fährt mit viel Leidenschaft Ski, arbeitet mit Freude an ihren Skills und will stetig besser werden. Der Erfolg im Leistungssport hängt von vielen Faktoren ab und ist nicht immer der leichteste Weg, doch man merkt, dass sie diesen Weg gehen will - und alles dafür gibt", beschreibt der 27-Jährige seine frühere Schülerin.

"Im Freestyle bin ich freier"


Die Mischung aus Mut und Körperbeherrschung, Leidenschaft und Talent, kindlicher Naivität und erwachsener Risikobereitschaft war auch der Grund dafür, dass sich Aliah Eichinger bereits in jungen Jahren von den "normalen" Rennläufern verabschiedete und sich dem Freestyle-Bereich widmete. "Das System bei den Skifahrern finde ich nicht so gut. Auch der Neid untereinander ist viel größer", erklärt sie dazu. "Im Freestyle bin ich freier."

Zwar seien etwa Abfahrer mehr im Fokus der Öffentlichkeit, wodurch sich auch mehr Geld verdienen lasse. Im Freestyle sei der Weg nach oben jedoch einfacher, das Miteinander unter den Athleten besser - und der Sport ehrlicher. "In Deutschland ist es in diesem Bereich leichter, an die Spitze zu kommen", weiß Eichinger. "Im Umkehrschluss muss man sicher aber früher mit internationaler Konkurrenz messen."

Die Neuschönauerin durfte bereits im Weltcup starten - beim City-Wettbewerb in Mönchengladbach. Auch wenn dieser Ausflug ins internationale Geschäft einem Zufall geschuldet war - das Talent rückte aufgrund der geringen Teilnehmerzahl nach - bildete der Contest den Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere. Selbst das ZDF wurde im Rahmen seiner Berichterstattung auf die Waidlerin aufmerksam und interviewte sie. "Zunächst habe ich gar nicht gewusst, was ich da genau sagen soll. Letztlich, glaube ich, habe ich es aber ganz gut gemacht."

Freestyle ist auf dem aufsteigenden Ast

Willkommene öffentliche Aufmerksamkeit für eine Immer-noch-Randsportart. Aber: Freestyle, davon ist die Schülerin überzeugt, ist auf dem aufsteigendem Ast - vor allem seitdem immer mehr Disziplinen olympisch werden.

Spätestens bei den olympischen Spielen 2022 in Peking will Eichinger mit von der Partie sein. "Doch, das ist schon realistisch", gibt sie sich zuversichtlich. Um in China an den Start zu gehen, würde Aliah-Delia Eichinger sogar freiwillig auf die weihnachtliche Auszeit in den heimischen Gefilden verzichten. Gewisse Charakterzüge eines typischen Bewohners der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald trägt sie ohnehin immer mit sich, wie sie frei heraus erklärt. "D'Waidler scheiß'n se nix - und des is guad so."