Vom Wald das Beste: Politik-Urgestein Helmut Behringer

Der junge Helmut Behringer

Hohenau. Johann Behringer war seit jeher ein überzeugter Sozialdemokrat. Daran konnte auch das Nazi-Regime nichts ändern. Aufgrund seiner politischen Einstellung stand der Waidler auf der "schwarzen Liste" der NSDAP-Schergen.
Man drohte ihm mit Deportation ins Konzentrationslager Dachau, ließ jedoch am Ende „Milde“ walten - und versetzte ihn als Soldat an die Front. Erst 1948 kehrte der gelernte Schneider und spätere Viehhändler aus russischer Gefangenschaft zurück.
Johann Behringer war aufgrund der traumatischen Erlebnisse, die ihm seine politische Einstellung beschert hatte, nicht gerade begeistert, als sich sein Sohn Helmut 1964 dazu entschloss, der SPD beizutreten. Im tiefsten Inneren war der Hohenauer jedoch stolz auf seinen Filius - erkannte er sich doch in ihm wieder.

54 Jahre ist es inzwischen her, dass Helmut Behringer den Weg eines politischen Menschen eingeschlagen hat. Er wollte gestalten, wollte sich an der Entwicklung des als Armenhaus verrufenen Bayerischen Waldes beteiligen. Und obwohl seine Heimat damals von den „Schwarzen“ noch stärker dominiert wurde als heute, entschied er sich ganz bewusst für die Sozialdemokraten bzw. gegen die Christsozialen. "Natürlich gibt es auch bei der SPD Inhalte, mit denen ich nicht zu 100 Prozent konform gehe. Dennoch ist das genau meine Partei. Ich bin Sozialdemokrat aus Überzeugung", betont Helmut Behringer.

Ich bin Sozialdemokrat aus Überzeugung

Auch jetzt - seine aktive Zeit als aktiver SPD‘ler neigt sich allmählich dem Ende zu - ist Helmut Behringer immer noch Politiker. Durch und durch. Seine gewählten Worte in Kombination mit den so typischen Floskeln lassen den Rückschluss darauf zu, dass Politik über die Jahre hinweg zu seinem Lebensinhalt geworden ist. Man kann es ihm nicht verdenken, wenn man auf seine Vita blickt: Von 1972 bis 2002 war Behringer Bürgermeister der Gemeinde Hohenau. Seit der Gebietsreform (vor 46 Jahren) ist er darüber hinaus Mitglied des Freyung-Grafenauer Kreistages - und somit dienstältester Kreisrat. Nervenauftreibende Jahre, die ihre Spuren hinterlassen haben.

Neben der politgefärbten Ausdrucksweise ist vor allem seine monotone Stimme charakteristisch für ihn. Diese Eigenschaft darf aber keinesfalls negativ ausgelegt werden. Im Gegenteil. Zu viele hitzige Diskussionen hat der 76-Jährige während seiner politischen Laufbahn durchlebt. Zu oft hat er seine Sätze aufs Genaueste abwägen müssen. Auch beim Gespräch im heimischen Wohnzimmer scheint Helmut Behringer jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, bevor es seine Lippen verlässt. In Verbindung mit seiner fast nicht vorhandenen Mimik wirkt der Hohenauer etwas unnahbar, distanziert. Wohl ein inneres Schutzschild, das er sich über die Jahre hinweg zugelegt hat.

Geht es allerdings um Fußball, Helmut Behringers Leidenschaft von Kindesbeinen an, blüht er regelrecht auf. Die Worte sprudeln dann nur so aus ihm heraus. Er erzählt von vielen Stunden auf dem Bolzplatz mit Freunden, von seiner Zeit beim TV Freyung, wo er als junger Mann als treffsicherer Mittelstürmer in Erscheinung getreten ist - und von seiner Rückkehr zum SV Hohenau, "seinem" Verein. Behringers fußballerische Qualitäten gingen sogar soweit, dass Spielerbeobachter des 1. FC Kaiserslautern - damals eine der besten Mannschaften Deutschlands - ihn 1957 zum Probetraining eingeladen haben. "Wie die auf mich aufmerksam geworden sind? Keine Ahnung. Plötzlich habe ich mit Fritz und Ottmar Walter, Horst Eckel und Werner Liebrich trainiert. Ehrfürchtig stand ich vor denen."

Wie die auf mich aufmerksam geworden sind? Keine Ahnung.

Der Waidler überzeugte - die Pfälzer wollten ihn verpflichten. Doch nur kurze Zeit später verletzte sich der junge Kicker, der trotz seiner geringen Körpergröße eigenen Angaben zufolge ein gefürchteter und widerstandsfähiger Torjäger war, bei einem Spiel mit der Schülermannschaft am Meniskus. Das Aus aller Profiträume. Ein Schicksalsschlag, den er jedoch relativ schnell wieder verdaut hatte. Der Wechsel nach Kaiserslautern scheiterte, das angeschlagene Knie ließ - auch wenn es ab und zu zwickte – noch eine erfolgreiche Amateurkarriere zu. Und auch als Sport-Funktionär traf der umtriebige Mann weitreichende, noch heute wirksame Entscheidungen.

Nach Schulzeit und Ausbildung landete Helmut Behringer schließlich im Finanzamt in Freyung, das damals im Gebäude des heutigen Amtsgerichtes untergebracht war. "Dieser Job hat mir Spaß gemacht - mit Zahlen konnte ich schon immer gut umgehen", erzählt der 76-Jährige. "Auch das Miteinander unter den Angestellten war hervorragend." Gemeinsam mit seinen Freunden und Arbeitskollegen Edi Stabl und Hans Danzer hob er den Landkreis-Pokal aus der Taufe. Zunächst fand dieser vor bis zu 1.000 Zuschauern im Freien statt, um letztlich in den FRG-Hallencup zu münden. "Wir wollten, dass alle Mannschaften – egal, welcher Ligazugehörigkeit – gegeneinander spielen können. Das haben wir geschafft."

Dass das Landkreis-Hallenturnier im Zuge der Umstellung auf die Futsal-Richtlinien inzwischen immer weniger Anklang findet, die teilnehmenden Mannschaften und Zuschauer rückläufig sind, findet Helmut Behringer freilich enttäuschend. "Da blutet mir das Herz. Vorher waren die Spiele viel rasanter und interessanter." Die verblasste Bedeutung des Hallencups - eine herbe Niederlage für den Rentner, der im Anschluss an seine Karriere noch ab und an für die Auswahl der „Wolfsteiner Kicker“ im Einsatz war.

"Manchmal hat er vor lauter Arbeit sich selbst vergessen"

Ab 1972 rückte der Fußball dann ins zweite Glied zurück, denn: Helmut Behringer wurde zum Bürgermeister der Gemeinde Hohenau gewählt. Ein Amt, das der SPD‘ler nicht halbherzig, sondern mit Leib und Seele ausübte. Seine Schwester Antonia, die ihn heute noch regelmäßig besucht und in Folge vieler kleinerer Wehwehchen pflegt, blickt auf diese Zeit zurück: "Der Helmut wollte allen helfen, es allen Recht machen. Er hat sich für seinen Beruf aufgeopfert. Manchmal hat er vor lauter Arbeit sich selbst vergessen." Für eine Familie blieb daher nur sehr wenig Zeit. Mit seiner Lebensgefährtin, die bereits 1994 von ihm gegangen ist, hat er einen Sohn. Mehr möchte er zu diesem Thema nicht sagen. Und ergänzt: "Im Rückblick würde ich hier einiges anders machen."

Generell ist er mit seinem Leben jedoch zufrieden. Die Zusammenlegung der Gemeinden Hohenau und Schönbrunn am Lusen, der Ausbau der Infrastruktur, der Kanalbau, insgesamt sechs umfassende Dorferneuerungen, viele Förderantrage und noch viel mehr Investitionen – in der politischen Rückschau meint der 76-Jährige vieles richtig gemacht zu haben. Er wollte ein Ansprechpartner für seine Bürger sein, wollte was bewegen. Das alles hat er erreicht, wie er findet. "Ja, das hat er", bestätigt auch seine Schwester Antonia und fügt hinzu: "Und wenn es nötig war, ist er mit dem Schneepflugfahrer frühmorgens mitgefahren, um dessen Probleme lösen zu können."

Vertieft in seine Arbeit vor Ort, hatte er mehrere Lockrufe der "großen" Politik links liegen lassen. 1990 bewarb er sich als Landrat - scheiterte aber an Alfons Urban. Diesen Posten sollte er 2011 (zumindest für einige Monate) dann doch noch innehaben - als Vertretung für den erkrankten Ludwig Lankl. Sein Freund und Parteigenosse Hans-Jochen Vogl, langjähriger Oberbürgermeister der Stadt München, Kanzlerkandidat und deutscher Justizminister, wollte ihn darüber hinaus unbedingt in den Landtag holen. "Beim Kartenspielen beim Schaffert in Auersbergsreut hätt‘ er mich überreden wollen", erinnert sich Helmut Behringer. "Doch er hat es nicht geschafft." Er blieb seiner Heimatgemeinde treu.

Er blieb seiner Heimatgemeinde treu
 

"Einmal habe ich ihn mit nach München begleitet, er hatte ein Termin im Finanzministerium", erzählt seine Schwester Antonia weiter. "Nach langer Wartezeit vor dem Ministerium ist die Tür aufgegangen und Helmut ist in Begleitung eines älteren Mannes auf mich zugekommen. Dieser hat ihm auf die Schulter geklopft und gesagt: Herr Behringer, Sie sind ein sehr schlauer Mensch." Mit bescheidener Hartnäckigkeit und selbst angeeignetem Fachwissen erreichte er immer wieder, wichtige Fördergelder für die Lusengemeinde zu beschaffen. Ohne diese staatlichen Mittel wäre die Entwicklung nicht möglich gewesen, wie der Altbürgermeister, für den Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit stets wichtige Werte waren, betont.

Insgesamt fünfmal wurde Helmut Behringer in seinem Amt bestätigt, bevor 2002 Eduard Schmid (CSU) auf ihn folgte. "Ich bin abgewählt worden", sagt er aus heutiger Sicht. "Aber böses Blut ist deshalb nie geflossen." Der 76-Jährige bekräftigt, dass er immer gerne Bürgermeister gewesen sei, dass ihn die Belastung nicht weiter gestört und er Probleme nicht zu sehr an sich herangelassen habe. Ein diagnostizierter und erfolgreich behandelter Darmkrebs unmittelbar nach seinem Ende als Hohenauer Rathauschef lässt jedoch eine andere Vermutung zu. Jüngst wurde der Träger des Bundesverdienstkreuzes zudem am Rücken operiert. "Ich werde halt einfach alt", gibt sich Behringer pragmatisch.

Deshalb hat er auch beschlossen, sich nach dem Ende der aktuellen Kreistags- und Gemeinderats-Periode endgültig aus der aktiven Politik zurückzuziehen. Was im Umkehrschluss nicht heißen soll, dass dem langjährigen Kommunalpolitiker das Wohl seiner Heimat nicht mehr am Herzen liegt. Vor allem die Entwicklung des Tourismus in der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald interessiert ihn nach wie vor sehr. "In diesem Bereich dürfen die Gemeinden nicht ihr eigenes Süppchen kochen, sondern müssen zusammenarbeiten", betont er.

Genauso gebannt verfolgt er aktuell die Koalitionsgespräche zwischen Union und Sozialdemokraten. Seiner Meinung nach ist dieser Zusammenschluss ebenso alternativlos. "Ich finde, die Große Koalition hat in den vergangenen vier Jahren gute Arbeit geleistet. Warum soll man diese dann nicht fortführen?" Es sei gewinnbringender, mit kleineren inhaltlichen Abstrichen die Regierung zu bilden, als in der Opposition zu sein. Ist man an der Macht, kann man regieren und gestalten - im Sinne der Allgemeinheit. Eine Maxime, nach der Helmut Behringer noch heute lebt. Ganz Sozialdemokrat eben...