Vom Wald das Beste: Schuster Franz aus Schönbrunn

Franz Schuster Schönbrunn am Lusen

Schönbrunn am Lusen. Es war Liebe auf den ersten Blick, das steht für Franz Schuster fest. Seit seiner Kindheit besteht die Verbindung bereits, die über die Jahre hinweg immer (zeit-)intensiver und gleichzeitig schöner wurde. Der Lusen ist für den 54-Jährigen nicht irgendein Berg, sondern ein magischer Ort der Ruhe, der Selbstfindung, der Zufriedenheit. So oft es nur geht, wandert der Mann aus Schönbrunn am Lusen (Gemeinde Hohenau) deshalb auf die dritthöchste Erhebung des Bayerischen Waldes, um dieses für ihn einzigartige Glücksgefühl erleben zu dürfen. Gar bis zu dreimal täglich erklimmt er die markante Erhebung in der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald - seit 1995 sind somit knapp 2.000 Anstiege zusammengekommen.

Diese Zahlen liegen keiner lapidaren, vielleicht sogar übertriebenen Schätzung zugrunde. Sie  basieren auf einer gewissenhaften Dokumentation, die Franz Schuster lange nur für sich notiert hat. In Jahrbüchern hat er jeden Lusenaufstieg samt dazugehöriger Wetterlage und Begegnungen mit Wanderern niedergeschrieben - und oftmals sogar einen Fotobeweis beigelegt. 2014, ein Jahr, in dem Franz Schuster arbeitslos war, erklomm er 305 mal den Bayerwald-Berg – der bis dato absolute Rekord seiner "Karriere". Mehr als 460 mal hat er seit 1995 das Marktfleckl am Fuße des Lusens passiert, 369 mal die Blauen Säulen besucht. Heuer, voraussichtlich im Juni, steht sein 2.000. Lusengang innerhalb der vergangenen 23 Jahre bevor. Eindrucksvolle Zahlen, die das Durchhaltevermögen des Schönbrunners genauso verdeutlichen wie die Liebe zur Natur, zum Bayerischen Wald.


305 Mal auf den Lusen - in einem Jahr


Doch woher rührt diese fast schon exzessive Begeisterung für das Wandern? Woher nimmt Franz Schuster, der in Schönbrunn für viele einfach nur als "da Glaggerl Franz" bekannt ist, die Motivation, bis zu dreimal täglich den Lusen zu erklimmen - bei Regen, Hitze und Schnee? So recht findet der 54-Jährige selbst keine Antwort auf diese Fragen. Der Lusen gehört einfach zu seinem Leben. Wie es der Name des Ortes "Schönbrunn am Lusen" schon besagt, sind seine Einwohner mit dem Bayerwald-Berg seit jeher eng verbandelt - und deren Liebe zur Heimat tief verwurzelt. So auch bei Franz Schuster, der betont: "Hier in diesem Ort, in diesem Haus, bin ich geboren worden. Hier bin ich aufgewachsen. Hier lebe ich - und hier werde ich auch sterben." Und schnell schiebt er hinterher: "Aber des hod na a bisserl Zeit."

Zeit - in einer immer schnelllebigeren Gesellschaft ein kostbares Gut. Zeit - ein Luxus, auf den die Schusters bereits seit Generationen großen Wert legen. Franz‘ Vater war Postbote in der Region um Hohenau und Schönbrunn. Damals wurden Briefe und Päckchen großteils noch zu Fuß zugestellt. "Da Papa is jed‘n Dog zig Kilometer ganga. Des hod a owa gern da. Hätt‘n wer mit an Auto midg‘numa, hat er dankend abg‘lehnt." Und auch Opa Schuster, ein Holzhauer, legte großen Wert auf die "Fußmarie", wie Franz Schuster lachend erklärt. Dieser war es auch, dem der 54-Jährige sein erstes Lusen-Erlebnis zu verdanken hat. "Er hatte beruflich am Kirchlinger Stand zu tun. I bin midganga. Und seitdem nicht mehr vom Lusen los‘komma."


"Ob'n angekommen, bedank a me beim Herrgott, dass' ma so guad geht"

 

In jungen Jahren - Franz Schuster war begeisterter Amateurfußballer und Radfahrer – blieb nur wenig Zeit für Wanderungen. Nach dem Ende seiner aktiven Sportlerzeit suchte er dann immer öfter die Ruhe rund um Himmelsleiter, Teufelsloch und Martinsklause. "I mog me einfach bewegen - und des am liebsten in da Natur", begründet der 54-Jährige seine Leidenschaft. "Und da Lus‘n hod‘s ma sowieso angetan." Am frühen Morgen, zur Mittagszeit, abends, bei brütender Hitze und klirrender Kälte, bei Regen und Schnee - Franz Schuster schreckt zu keiner Tages- und Nachtzeit davor zurück, seine ganz persönliche Lusenrunde zu drehen.
Unter einem Anstieg versteht der Schönbrunner nämlich eine gewisse Strecke, die genau definiert ist: "Damit meine ich den Weg von der Waldhaus-Reibe bis zum Gipfelkreuz." Gut eine Stunde braucht er dafür. Manchmal kombiniert er die Lusentour auch mit längeren Ausflügen. Denn auch auf dem Dreisessel, dem Rachel oder dem Falkenstein ist Schuster häufig anzutreffen. So kommt es vor, dass er im Rahmen einer ausgiebigeren Wanderung zwei-, dreimal am Gipfelkreuz des Lusens Halt macht. "Ob‘n angekommen bedank a me dann beim Herrgott, dass‘ ma so guad geht."

Eigenen Angaben zufolge führt Franz Schuster ein einfaches Leben. Er braucht keinen Urlaub, keinen Luxus. Der Junggeselle wohnt zu Hause bei seiner Mutter. Man hilft sich gegenseitig, jeder ist auf den anderen angewiesen, jeder macht aber irgendwie auch sein eigenes Ding. Und mit diesem ist der 54-Jährige mehr als nur zufrieden. "Ich bin sehr glücklich", betont er und erzählt von der Verarbeitung des Alltags während seiner ausgiebigen Streifzüge durch den Bayerischen Wald. In der Ruhe der Natur erscheinen die Probleme und Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt, als nichtig und klein. "Und wenn i dann auf‘n Berg om steh, is ois wieda guad. Dann bin ich praktisch gereinigt."

"Und wenn i dann auf'n Berg om steh, is ois wieda guad."


Da "Glaggerl Franz" genießt aber nicht nur das Alleinsein in den Wäldern des Nationalparks, er ist auch durchaus ein geselliger Mensch, der gerne von seinen Wanderungen berichtet und praktische Tipps an Anfänger wie Fortgeschrittene weitergibt. "Mir kemand veij Leid unter - Urlauber wie Einheimische", sagt er. Zu seinen regelmäßigen Berg-Kumpanen zählen unter anderem Nationalpark-Pressesprecher Gregor Wolf sowie Fußball-Torjäger Korbinian Tolksdorf, mit denen, so Schuster, „immer ein kleiner Ratsch geht“. Doch auch die Gesellschaft von Bäumen und Gräsern, Vögeln und Insekten will der 54-Jährige nicht missen. Die Natur sei für ihn das größte Geschenk, das ihm je gemacht worden ist.

Umso erfreulicher ist für Franz Schuster die Entwicklung der Flora und Fauna rund um den Lusen. Verwandelte der Borkenkäfer das Gebiet um die Glasarche vor einigen Jahren noch zu einer mondähnlichen Landschaft, lassen nachwachsende Bäume und Sträucher das Areal inzwischen regelrecht explodieren. "Der Mensch hat auf die Natur einen gigantischen Einfluss. Da ist es doch eine Kleinigkeit, wenn wir einen Bruchteil der Wälder sich selbst überlassen", sagt der überzeugte Nationalpark-Befürworter.

Ist er unterwegs, ist er meist ohne Rucksack anzutreffen. Auch eine teure Wanderausrüstung braucht's nicht. Es reicht eine dem Wetter angepasste Kleidung. Nur die Wanderschuhe sollen dann doch "g‘scheide" sein. "S‘Schuhwerk muss passen. Da lege ich großen Wert drauf." Auf seinen Tagestouren hat er keine Brotzeit dabei, die gibt's zu Hause nach der Rückkehr. Und wenn Franz Schuster der Durst überkommt, stillt er ihn mit dem Wasser der zahlreichen Bäche. Diese spartanische Lebensweise sei mit ein Grund dafür, warum der 54-Jährige so fit ist, wie er mehrmals betont.

"Es is, wia's is - und es is guad so."

Mit dem Hintergrund seiner langjährigen Wandererfahrung und seiner Faszination für die Natur wollte der Mitarbeiter eines holzverarbeitenden Betriebes vor einiger Zeit auch Nationalpark-Ranger werden. Doch leider klappte es nicht mit einer Anstellung, andere Bewerber wurden bevorzugt. Eine Absage, die noch tief sitzt und noch nicht so ganz verdaut scheint. Eine Absage, die seiner Begeisterung für die Bayerwald-Berge, allen voran für den Lusen, jedoch nicht geschmälert hat, wie auch seine Mutter, "s'Marerl", befindet: "Da Franze trinkt ned, raucht ned. Und des mit der Lusen-Sach is doch nix Schlechts ned." Und mit einem Lachen im Gesicht fügt Franz Schuster hinzu: "Es is, wia‘s is - und es is guad so."