Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck steht Heinrich Vierlinger vor einer Ansammlung von Büschen und jungen Fichten in der Nähe der Glasarche am Fuße des Lusen. Der 74-Jährige deutet auf die jungen, nachwachsenden Hölzer und sagt: "Noch vor einigen Jahren war hier fast nix. Aber die Natur hat sich erholt. Das frische Grün ist wunderbar." Diese Sätze machen deutlich, welche Einstellung der Freyunger zu seiner unmittelbaren Umgebung hat. Der Wald- und Wanderführer ist seit Gründung des Nationalparks von dessen Idee überzeugt. Er ist aber auch jemand, der viele Dinge kritisch hinterfragt und sich seine eigene Meinung bildet, bevor er Gerüchte nachplappert. Kurz: Heinrich Vierlinger ist einer, der über den Bayerischen Wald Bescheid weiß wie nur wenige - und auch bereit ist, über dessen Tellerrand hinauszublicken.

Davon, dass er einmal zu den "Botschaftern des Bayerischen Waldes" gehören würde, war er zunächst noch weit entfernt. Und das nicht nur im Übertragenen, sondern vor allem auch im geografischen Sinn. Geboren in Julbach (Landkreis Rottal-Inn), stellten die Mittelgebirgszüge rund um Lusen und Rachel für den jungen Heinrich Vierlinger Berge "irgendwo im Nirgendwo" dar.

Nach seinem Schulabschluss und einer Ausbildung zum Bürokaufmann musste Vierlinger seinen Wehrdienst leisten. Als er ein entsprechendes Schreiben erhielt, wonach er in Freyung im Bayerischen Wald seine Grundausbildung zu absolvieren hatte, war der damals gerade Volljährige erst einmal bedient. "Mensch, iatzt muasd do in Woid eine" hörte er von allen Seiten.

Bestätigt wurden seine Befürchtungen, als er mit der Eisenbahn von Passau aus durch das Ilztal fuhr und schließlich von Waldkirchen her kommend den Freyunger Bahnhof erreichte. Angesprochen auf den ersten Eindruck der Kreisstadt beim Eintreffen am 1. Oktober 1962, legt Heinrich Vierlinger - als würde er sich in diese Zeit zurückversetzt fühlen - seine Stirn heute noch in Falten und presst ein kurzes "Oje" hervor. Doch, wie er rückblickend weiß, kommt es erstens immer anderes und zweitens als man denkt.

Zunächst fühlt sich Vierlinger nur zaghaft-zögerlich wohl in seiner neuen Heimat. Glücklicherweise kommt er mit dem Rekrutenleben einigermaßen zurecht. Allerdings: "Ich war immer der Kleinste und musste deshalb beim Gefechtsdienst immer die weitesten Wege laufen", erinnert er sich und lacht.

Nach und nach lernt er den Bayerischen Wald und seine Leute kennen - sowohl während der militärischen Ausbildung als auch während längerer Wanderungen in seiner Freizeit. Die ihm zuvor eingetrichterten Klischees gegenüber diesem Landstrich geraten so mehr und mehr in Vergessenheit. Für den Rottaler ein wichtiger Schritt in seinem noch jungen Leben. Künftig will er sich nämlich zuerst selbst ein Bild von der Welt machen, bevor er meist haltlosen Vorurteilen Glauben schenkt.

Der Bayerische Wald - eine Leidenschaft

Der Bayerische Wald (mit seiner Natur und Geschichte) wird nicht nur seine neue Heimat, sondern entwickelt sich auch zu seiner Leidenschaft. Während die berufliche Karriere  und das Privatleben relativ unspektakulär verlaufen, erlangt Vierlinger vor allem aufgrund seiner inbrünstig betriebenen Hobbys einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Region. Von der ersten Stunde an ist er Befürworter des Nationalparks Bayerischer Wald, der 1970 gegründet wurde. "Diese Einrichtung ist eine außergewöhnliche Chance - sowohl für den Tourismus als auch für die Natur", war Heinrich Vierlinger schon damals bewusst.

Die Einwände vieler Gegner des Schutzgebietes könne er zwar einigermaßen nachvollziehen -  gab es doch über viele Jahrzehnte hinweg in den ehemaligen Nutzwäldern mit den dereinst praktizierten forstwirtschaftlichen Regeln ganz andere Vorgaben: "Und plötzlich galt dies alles nicht mehr - eine große Herausforderung für die Menschen dieser Gegend." Dennoch überwiegen für ihn die positiven Argumente: "Wir müssen uns auf unserer Erde und natürlich auch in Deutschland vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Wälder leisten können", macht er deutlich.

Für die oft geführte Diskussion um den "gefürchteten" Borkenkäfer hat der 74-Jährige Verständnis - jedoch mit Einschränkungen: "In der Naturzone des Nationalparks überlassen wir das der Natur. Durch die Einrichtung von ausreichend breiten Schutzzonen an dessen Grenze wird eine Ausbreitung auf Privatwälder verhindert - dort ist es ein weitestgehend hausgemachtes Problem der Menschen. Durch den riesigen Fichtenvorrat konnte sich der Borkenkäfer in solchen Dimensionen ausbreiten. Der Klimawandel verschärft das Problem noch." Man merkt schnell: Dieser Mann ist gut informiert - und sagt nichts, ohne sich vorher ausführlich darüber Gedanken gemacht zu haben.

Sein Wissen über die Heimat machen Heinrich Vierlinger zu einem gefragten Mann. Als ausgebildeter Waldführer fungiert er als wichtiges Sprachrohr des Nationalparks Bayerischer Wald. Mehrmals monatlich ist er mit Touristen im Lusen- und Rachelgebiet unterwegs, wo er ihnen die Philosophie des Schutzgebietes näherbringt. "Da wächst man nach und nach rein", antwortet das engagierte Mitglied des Vereins "Pro Nationalpark Freyung-Grafenau e.V."

Neben seinem Engagement als Wald- und Wanderführer ist Vierlinger auch als Reiseleiter tätig. Mit verschiedensten Gruppe erkundet er dabei im Namen des Kulturkreises Freyung-Grafenau die Welt - egal ob Irland, Schottland, Italien oder Tschechien. Besonders zu den östlichen Nachbarn im Böhmerwald (Šumava) hat er inzwischen eine ganz besondere Verbindung aufbauen können. "Das liegt wohl an meinem Interesse für Geschichte", erklärt er.

Als Soldat und somit als "Geheimnisträger" durfte er den Böhmerwald während der Zeit des Kalten Krieges nicht betreten - umso intensiver befasst er sich mit dieser Region seit dem Fall des "Eisernen Vorhangs". Er betont: "Das gegenseitige Kennenlernen liegt mir besonders am Herzen."
Vorurteile sollen beiseitegelegt, gemeinsame Interessen wiedergefunden und weiterentwickelt werden. Dazu sei vor allem notwendig, ideelle Barrieren zu überwinden, wie Vierlinger sagt - aber auch sprachliche. Seit 1989 ist er deshalb eifriger Schüler der tschechischen Sprache. Als "fließend mit Abstrichen" beschreibt er seine Kenntnisse, die er bei zahlreichen Ausflügen zu unseren Nachbarn unter Beweis stellen kann. "Es gibt weiterhin Berührungsängste zwischen Deutschen und Tschechen. Doch diese müssen abgebaut werden - vor allem durch persönliche Kontakte", macht der Träger der alternativen deutsch-tschechischen Auszeichnung "Preis der Hoffnung und Verständigung" (2014) deutlich.

Sich Neuem nicht verschließen


Generell ist es aus Sicht des Pensionärs von großer Bedeutung, ein starkes Miteinander zu pflegen. Das gilt auch für den Tourismus. Deshalb begrüßt Vierlinger die Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald ausdrücklich. "Wir müssen uns als Region vermarkten. Wir müssen für unsere Gäste ein möglichst breites Angebot zur Verfügung stellen. Das ist nur durch einen solchen Zusammenschluss möglich." Es gelte deshalb den Verantwortlichen Zeit zu geben - und sich Neuem nicht zu verschließen.

Bestes Beispiel dafür ist Heinrich Vierlinger selbst. Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist er im Internet aktiv, hat einen Facebook-Account und nutzt fleißig sein Smartphone. Er orientiert sich dabei an dem Zitat des inzwischen verstorbenen US-Schauspielers Burt Lancaster, der einmal sagte: "Solange man neugierig ist, kann einem das Alter nichts anhaben." Nur wer sich selbst ein Bild macht, darf und kann urteilen - das hat sich Heinrich Vierlinger zu Herzen genommen.

Diese Seite auf Facebook teilen!