Vom Wald das Beste: Christine und Eberhard Kreuzer

Eberhard und Christine Kreuzer Bayerischer Wald

Zwiesel. Sie sind gleich alt. Sie sind im selben Ort in unmittelbarer Nachbarschaft aufgewachsen - und teilen sich seit 49 Jahren das Ehebett. Doch nicht nur diese chronologisch-geographischen Merkmale einen Christine und Eberhard Kreuzer. Auch mit Politik, Heimatgeschichte, Poesie, Kultur und Theater beschäftigen sich die beiden 69-Jährigen gerne - und oft.

Er, der inzwischen pensionierte Techniker, hat schon mehrere Bücher veröffentlicht, Theaterstücke geschrieben und war kurzzeitig auch Bürgermeister der Stadt Zwiesel. Sie, die ehemalige Krankenhausangestellte, ist die schärfste Kritikerin ihres Mannes, weitum bekannte Theaterregisseurin sowie Stadt- und Kreisrätin. "Ja, das stimmt schon. Wir sind uns sehr ähnlich", fasst Christine Kreuzer mit einem Lächeln zusammen. "Das heißt aber nicht, dass bei uns immer alles eitel Sonnenschein ist. Wir diskutieren teilweise sehr hitzig", ergänzt sie und lacht. Zunächst dauerte es jedoch einige Jahre, bis sich die beiden Kreuzers begegneten…

Hinsichtlich Eberhard Kreuzers Geburtsdatum und –ort gab es einige Ungereimtheiten. In den Wirren der Nachkriegszeit war seine Mutter vom Saarland, wo sie in einer Munitionsfabrik arbeitete, mit dem Zug in Richtung Frauenau unterwegs. Kurz vor der Endstation brachte sie ihren Sohn Eberhard zur Welt - gegen Mitternacht. "Zunächst war immer der 25. August mein Geburtstag, später jedoch stellte sich heraus, dass ich am 26. August geboren worden bin - ein Übermittlungsfehler, der schließlich behoben worden ist."

Ähnlich verwirrend gestaltete sich die Findung seines Nachnamens. Zu Beginn hieß der heutige Zwieseler Albert - wie seine Mutter zum damaligen Zeitpunkt. Später war er unter Kaufmann gemeldet - der Name des späteren Mannes seiner Mutter. Und schließlich entschied er sich für deren Mädchennamen - Kreuzer.

Und auf einmal wurde ich ein Stodara und überzeugter Zwieseler

"Wenn ich heute zurückblicke, war meine Kindheit aus vielerlei Gründen nicht gerade schön", erzählt Eberhard Kreuzer und hält kurz inne. Die Nachkriegszeit im Bayerischen Wald war von Hunger und Armut geprägt. Als vaterloser Bub wurde er oft misstrauisch beäugt. In den 50er-Jahren gehörten alleinerziehende Mütter noch nicht zum Alltagsbild. "Zum damaligen Zeitpunkt jedoch war ich glücklich."

Als er fünf Jahre alt war, zog er gemeinsam mit seiner Mama von Frauenau nach Zwiesel. Dort betrieb sein Stiefvater die Metzgerei Kaufmann. "Und auf einmal wurde ich ein Stodara und überzeugter Zwieseler. Ich hatte alle Freiheiten und war unter anderem Mitglied bei den Pfadfindern."

Noch viel wichtiger als irgendwelche Hobbys war aber seine neue Bekanntschaft, die er unmittelbar nach dem Umzug kennengelernt hatte - Christl, die Nachbarin. Bereits im Kindesalter merkten die beiden, dass es zwischen ihnen einfach passt. Ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt. Ein Gefühl, das man nur kennt, wenn man es selbst gespürt hat. Schon kurz nach seiner abgeschlossenen Lehre zum Kfz-Mechaniker wird Eberhard Kreuzer das erste Mal Vater. "Zum Glück. Ich habe in der Verantwortung gestanden - und konnte meine Lehre als Landkreisbester abschließen.

"Ein unschätzbarer Vorteil in der damaligen Zeit, in der - wie heute - Vollbeschäftigung herrschte. Der junge Mann hatte dank seiner guten Leistung einen sicheren Arbeitsplatz und konnte sich später - mittels Förderung des Arbeitsamtes - an der Technikerschule in Regensburg zum staatlich geprüften Maschinenbautechniker weiterbilden. Mehr als 40 Jahre arbeitete er in der Entwicklungsabteilung bei Kristallglas Zwiesel.

Vater und Ehemann Eberhard Kreuzer ging seiner Schichtarbeit nach, Mutter Christine Kreuzer war ebenfalls als Krankenhaus-Mitarbeiterin berufstätig. Gemeinsam kümmerten sie sich um die beiden Söhne. Die kleine Familie fühlte sich wohl - auch wenn der gemeinsame Lebensweg keinen mustergültigen Start hinlegte: "Um unsere erste gemeinsame Wohnung finanzieren zu können, habe ich mir von meiner Mutter 20 Mark leihen müssen - damals eine sehr hohe Summe", erinnert sich Eberhard Kreuzer. "Unser erstes gemeinsames Essen im neuen Heim: Eberhard hat einen Giggl und sechs Knödel gegessen", erzählt Christine Kreuzer und lacht herzlich. "Ich habe mich daraufhin gefragt, wie ich diesen Mann durchbringen soll."

Die härtesten Kritiker waren immer wir selber

Früh kristallisierte sich das Theaterspielen als gemeinsames Hobby der vierköpfigen Familie heraus - sogar die beiden Söhne waren eifrig bei der Sache. Vorrangig kümmerten sie sich um die Technik, lernten gemeinsam Texte, spielten unter der Regie der Mama, solange es die Schule und die Ausbildung bzw. Arbeit zuließen. Eberhard und Christl sind Gründungsmitglieder des Zwiesler Dilettantenvereins e. V. und bis heute im Verein aktiv. Was wie ein Familienidyll aus dem Bilderbuch klang, entpuppte sich häufig als intensive, ja teils nervenaufreibender Zeitvertreib. "Die härtesten Kritiker waren immer wir selber", umschreibt es Eberhard Kreuzer etwas diplomatischer. "Ehrgeizig versuchen wir uns stetig zu verbessern, Texte und Schauspiel zu verfeinern."

Immer mehr zog sich Eberhard Kreuzer in sein Büro zurück, um auch eigene Stücke zu schreiben. Kurzgeschichten und Gedichte kreierte er ebenso. Aus der anfänglichen Idee, ausschließlich Geburtstagsgedichte für Freunde und Verwandte zu dichten, entstanden immer tiefgründigere Arbeiten - die zunächst nur für die engsten Bekannten bestimmt waren. "Meine Frau wollte, dass ich eine Sammlung zusammenstelle und veröffentliche. Ich war gar nicht begeistert", sagt Eberhard Kreuzer im Rückblick.
Und Christine fügt schnell hinzu: "Letztlich habe ich ihn aber doch überreden können." Sie zeigt auf einen Stapel Bücher, die vor ihr auf dem Tisch liegen: Eberhards Werke. Es wird dabei deutlich, wie stolz sie auf das Schaffen ihres Mannes ist. Dieser zeigt sich ob seiner Veröffentlichungen hingegen zurückhaltend, bescheiden.

Ich habe einfach nicht geglaubt, dass das jemanden interessiert

"Bei meinem ersten Buch wollte ich eigentlich nur eine Auflage von zehn Stück. Ich habe einfach nicht geglaubt, dass das jemanden interessiert", sagt er. "Wir mussten dann aber - aus Kostengründen - 300 Bücher drucken lassen. Diese waren relativ schnell vergriffen. Wahnsinn." In seinen Gedichten und Kurzgeschichten thematisiert Eberhard Kreuzer das Alltägliche, das triviale Leben auf dem Land, dahoam im Woid, seiner Heimat, die er nicht mal für einen Urlaub verlassen will - zum Leidwesen seiner Frau. Darüber hinaus schreibt er auch Theaterstücke – etwa den "Mohrmörder" - und legt dabei sehr großen Wert auf ein gewisses Niveau. Volkstümliche Klamauk-Aufführungen liegen ihm fern. "Ich werde nie ein Stück schreiben, wo ein Bauer in Unterhosen über die Bühne hüpft."

Regelmäßig wurden und werden seine Werke auch unter der Regie von Christine Kreuzer, die unter anderem bei den Passionsspielen Perlesreut 2014 verantwortlich war, aufgeführt.
Christine Kreuzer war die erste Frau in ganz Bayern, die beim Bund Deutscher Amateurtheater e.V. die Spielleiterausbildung absolviert hat. Im Juni 2002 erhielt sie ihr Zertifikat - seitdem ist Christine Kreuzer auch ganz offiziell befähigt, eine Theatergruppe zu leiten und mit ihr Theaterproduktionen zu erarbeiten - eine ganz besondere Auszeichnung.

Zu Reibereien, weil seine Frau seine erfundenen Charaktere anders interpretierte, als ihm lieb war, ist es bisher nicht gekommen. Im Gegenteil. Eberhard Kreuzer findet es interessant zu sehen, wie seine Liebste seine Stücke mit Leben füllt. "Leider will er selber nie mitspielen, obwohl er ein sehr guter Schauspieler ist", bedauert die 69-Jährige.

Doch das war nie sein Ding - auf der Bühne wäre er zu nervös. Sinnbildlich dafür: Zu Beginn der Premiere eines seiner Theaterstücke bleibt Eberhard Kreuzer zumeist im Vorraum und wartet ab. Erst, wenn er positive Reaktionen seitens des Publikums vernimmt, schafft er es, entspannt zuzuschauen. "Es gibt gewisse Situationen, in denen ich gewisse Reaktionen erwarte. Nehme ich diese wahr, bin ich zufrieden.

Doch die Kreuzers beschäftigen sich nicht nur mit der Nacherzählung des Lebens im Bayerischen Wald. Sie wollen die Zukunft ihrer Heimat auch aktiv mitgestalten. Christine Kreuzer ist Zwieseler Stadträtin, Kreisrätin und Landkreis-Seniorenbeauftragte. Eberhard Kreuzer war nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden des ehemaligen Stadtoberhauptes Robert Zettner interimsmäßiger Bürgermeister von Zwiesel - noch heute sitzt er im Stadtrat und ist Mitglied des Kreistages, ist zudem Kulturreferent der Stadt. Während seiner 16 Monate als Rathaus-Chef der Glasstadt wurden auch erste Entscheidungen hinsichtlich der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald auf den Weg gebracht.

Seitdem verfolgt er die Entwicklung jenes Tourismus-Konstrukts genauso interessiert wie die damit verbundenen Schwierigkeiten. Mit einer Vehemenz in der Stimme, die dem ansonsten besonnenen Mann so gar nicht zuzutrauen ist, macht er deutlich: "Zwiesel gehört in die FNBW - da gibt es kein Wenn und kein Aber."

Wir haben bisher immer alles gemeinsam gemacht. Das schweißt zusammen.

"Im Woid-Tourismus ist nicht alles schlecht. Es haben sich nur die Ansprüche verändert. Deshalb müssen wir uns besser aufstellen - was durch die Ferienregion möglich ist." Die Kreuzers betonen zwar immer wieder, dass Politik nur eine untergeordnete Rolle in ihrem Leben spiele. Angesprochen auf kommunalpolitische Themen haben sie jedoch eine klare Meinung, die sie auch ohne Umschweife nach außen vertreten. "Ich bin nicht der Politiker", sagt Eberhard Kreuzer, wird aber sogleich von seiner Frau berichtigt: "Das stimmt nicht. Was Du machst, machst Du zu 100 Prozent." Dazu nickt er wissend und schmunzelt.

Auf der Bühne führt Christine Kreuzer Regie - und auch innerhalb der Familie gibt sie den Ton an, sagt ihr Mann und lacht. Seitdem sie und ihr Mann in Rente sind, haben sie richtigen - meist positiven - "Stress". Die Kinder, die sechs Enkelkinder, die Politik, die Kultur, das Theater, die Bücher, das Schreiben - manchmal könnte der Tag gut und gerne 30 Stunden haben. Zeit, die sie aber gerne investieren. Zeit, die geteilt durch zwei das Doppelte ergibt. "Wir haben bisher immer alles gemeinsam gemacht. Das schweißt zusammen."