Vom Wald das Beste. – Nationalparkregion Bayerischer Wald
Die Rachelwirte Sigrid Kick und Rudi Holzapfel

Vom Wald das Beste

Die Rachelwirte Sigrid Kick und Rudi Holzapfel

"Es war eine Mischung aus Wahnsinn und Hammer-Gefühl", sagt Sigrid Kick, lächelt - und wirft ihrem Lebensgefährten Rudi Holzapfel einen fragenden Blick zu.

Dieser überlegt kurz, nickt und spricht sogleich mit aufgeblasenen Backen das aus, was sich wohl beide in diesem Moment denken: "Es war ganz schön was los da oben".

Die 38-Jährigen haben gerade ihre erste Sommersaison als Hüttenwirte im Waldschmidthaus absolviert. Eine Berg- und Talfahrt - und das im wahrsten Sinne des Wortes.

"Der Ansturm war nicht normal", berichtet Rudi Holzapfel. Der gebürtige Viechtacher mit dem langen Rauschebart erinnert sich mit etwas Widerwillen ans Premieren-Wochenende - jedoch nicht wegen der vielen Leute, die aufgrund des "Bombenwetters" und der vorherrschenden Neugierde darüber, wer denn da nun ab sofort hinter der Waldschmidthaus-Theke Speisen und Getränke verteilt, in Scharen Richtung Rachelgipfel gestürmt waren. Vielmehr lassen ihn gewisse "Startschwierigkeiten" nicht allzu gerne auf die Anfangsphase in dem altehrwürdigen Schutzhaus zurückblicken.

"Wir hatten auf einmal kein fließendes Wasser mehr - und mussten das Geschirr per Hand spülen, während die Schlange der ungeduldigen Wanderer vorm Tresen immer länger wurde", erinnert sich Sigrid Kick. "Alles stand voller Gläser - es war zum aus der Haut fahren." Doch die beiden versuchten trotz der nervenaufreibenden Situation die Ruhe zu bewahren - und gewannen schließlich den anfänglichen "Überlebenskampf".

"Convenience Food gibt's bei uns nicht"

So richtig rund lief es erst ab Oktober, nachdem sie bzw. die Fachleute nach "ewiger Tüftelei" die Sache mit der "hochkomplexen Stromanlage" endlich in den Griff bekommen hatten. Bis dahin gab es immer wieder unerwartete Ausfälle bei der Elektrik. "Und ohne Strom gibt's auch kein Wasser", sagt Rudi Holzapfel, der in der Rückschau bereits wieder über das, was sich alles an Pannen ereignet hatte, schmunzeln kann. "Wir haben immer gesagt: Es kann jetzt nicht mehr schlimmer werden - und von da an ging's bergauf." Der Strom floss stabil, dass Wasser versiegte nicht mehr - auch dank der tatkräftigen Unterstützung durch die Nationalparkverwaltung, von der die beiden selbständigen Hüttenwirte das Waldschmidthaus gepachtet haben.

Der Betrieb hat sich mittlerweile recht gut eingependelt, wie sie sagen. Kick und Holzapfel sind ein eingespieltes Team, das sich die anstehenden Aufgaben in der Küche, an der Theke sowie rund ums Haus aufgeteilt hat, wobei jeder im Wechsel das machen darf, wonach ihm gerade der Sinn steht. Die Wirtsleute wissen inzwischen genau, was ihre Gäste schätzen - und das sind vor allem die kulinarischen Freuden: von Brennnessel-Knödeln und verschiedenen Nudelgerichtem über eine klassische Milchsuppe und Sterz-Variationen bis hin zum Chilli con Carne und Spaghetti Carbonara. Dabei legen die beiden stets viel Wert auf frische Zubereitung, auf Bio und Saisonalität. "Convenience Food gibt's bei uns nicht", betonen sie unisono.

Die Küche ist immer sehr abwechslungsreich und rangiert von Omas Rezept-Fundus mit niederbayerischem Einschlag bis hin zu selbstgekochten Tagessuppen nach thailändischer Art. Auch frisch gebackener Kuchen steht meist für die Besucher bereit. Genauso wie vegetarische bzw. vegane Mahlzeiten. "Die Leute sind zufrieden mit unserem Konzept. Wir bekommen immer wieder positive Rückmeldungen - auch von älteren Leuten, die das klassische Berggastronomie-Angebot gewohnt sind."

Eines der Aushängeschilder ist mit dem Kaiserschmarrn dennoch ein bekannter Hütten-Evergreen. "Da ist die Nachfrage immer sehr hoch, klar", erklärt Sigrid Kick und fügt hinzu: "An gut laufenden Wochenenden kann's passieren, dass einer von uns von früh bis spät an der Kaiserschmarrn-Pfanne dahin werkelt." 
Dass das alles mit sehr viel Arbeit verbunden ist, erklärt sich von selbst. Von zehn bis 17 Uhr hat das Waldschmidthaus offiziell während der Sommermonate geöffnet, doch der Tag von Sigrid Kick und Rudi Holzapfel beginnt bereits einige Stunden früher. Um 8 Uhr geht's los mit Bestellungen und Abholungen, die die beiden auf dem Weg von ihrem Wohnort bei Kollnburg im Altlandkreis Viechtach zur Schutzhütte erledigen.

"Ich hab irgendwann gespürt, dass ich nicht mehr der Typ bin für eine feste Arbeitsstelle"

Sie sammeln dabei die Frischwaren ein, die sie dann auf 1.360 Meter zu schmackhaften Mahlzeiten verarbeiten und den vorbeikommenden Wanderern kredenzen, wie der 38-Jährige erklärt. Sie pendeln täglich hin und her - das macht zweimal 50 Kilometer, sieben Tage die Woche. Denn übernachten dürfen sie aus Brandschutzgründen in der Berghütte (noch) nicht. Ebenso mangelt es dort an Lager- und Kühlmöglichkeiten, um Lebensmittel längerfristig zu horten. "Das ist keine Dauerlösung. Ein kleiner Container mit Kühlfunktion wäre optimal", so der Wunsch des Paares.

Sigrid Kick, die Frau mit den schulterlangen Haaren und dem strahlenden Lächeln, ist in Amberg in der Oberpfalz aufgewachsen. Dort hat sie zunächst eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und sich später für ein Sozialpädagogik-Studium in Nürnberg entschieden. Mehr als 15 Jahre lang hatte sie in der Großstadt in Mittelfranken gelebt und gearbeitet. Vor drei Jahren dann kam der Entschluss, den sicheren Job an den Nagel zu hängen. "Ich hab irgendwann gespürt, dass ich nicht mehr der Typ bin für eine feste Arbeitsstelle", erinnert sie sich. Sie wollte lieber flexibel arbeiten, keinen starren Mustern mehr verhaftet bleiben, wollte frei sein. 

Nach der Kündigung zog es sie in die Berge, wo sie in verschiedenen Schutzhäusern, u.a. in der Traunsteiner Hütte auf der Winkelmoosalm, als "Mädchen für alles" und "Allrounderin" anheuerte. Die Arbeit machte ihr Spaß, sie kam schnell zurecht mit dem Alltag in luftiger Höhe. Bis sie eines Tages wusste: "Das trau ich mir selbst auch zu" - und damit begann, sich bei verschiedenen Hüttenbetrieben in den Alpen als Bewirtschafterin zu bewerben. 

In dieser Zeit lernte sie ihren heutigen Lebensgefährten Rudi Holzapfel kennen - "ganz altmodisch via Tinder", wie dieser mit einem Augenzwinkern verrät. Der gelernte Radio- und Fernsehtechniker aus Viechtach war einige Jahre lang als sog. Field-Application-Ingenieur bei einer international tätigen Deggendorfer Firma tätig. Seine Chefs hatten ihn viel in der Welt herumgeschickt, wie er sagt. Ein Umstand, der ihm irgendwann nicht mehr so recht gefiel. Er begann daher umzudenken, wollte sein Leben verändern. Die Gastronomie habe ihn immer schon interessiert. Also schmiss auch er den sicheren und gut bezahlten Job hin - und machte sich Gedanken über einen Neuanfang. 

"Das trau ich mir selbst auch zu"

Bereits zwei Monate nach dem ersten Date versandten Rudi Holzapfel und Sigrid Kick ihre Bewerbungen gemeinsam. Beide hatten sie den Entschluss gefasst, als Paar eine Schutzhütte in den Alpen zu bewirten. "Und dann ging alles plötzlich ganz schnell", erinnert sich die heute 38-Jährige. Sie konnten "von heute auf morgen" die Fraganter-Hütte in den Kärntner Alpen übernehmen - ein Haus mit 100 Betten. "In dem riesigen Haus fühlten wir uns manchmal wie in dem Film Shining", blickt Rudi Holzapfel zurück und lacht. In dem Hollywood-Streifen aus den 80ern - nach Stephen Kings gleichnamigen Roman - übernimmt der Schriftsteller Jack Torrance (gespielt von Jack Nicholson) die Stelle des Hausverwalters in einem gespenstischen Berghotel in Colorado, wo er den Winter über alleine mit seiner Familie haust - und schließlich durchdreht.

Es war nicht das, wonach wir gesucht hatten.

Verrückt sind sie nicht geworden - obwohl sie im Fraganter Schutzhaus alle Aufgaben so gut wie alleine erledigen mussten. "Und ja, Sigrid hatte manchmal auch etwas Angst, weil's ein derart großes Haus war", sagt Rudi Holzapfel. Eigentlich stehen beide ja eher auf urige, etwa ältere Hütten - weniger auf überdimensionierte, rundum-sanierte Unterkünfte im Stile eines hotelartigen Berg-Restaurants, wo die Schickeria ein-und ausgeht.

Das Ambiente dort stimmte einfach nicht so recht mit der Lebensphilosophie der beiden - mehr nachhaltiges Wirtschaften, weniger Massentourismus - überein. "Es war nicht das, wonach wir gesucht hatten", erinnert sich Sigrid Kick, ohne die Zeit in Kärnten missen zu wollen. Nach einer Saison war Schluss.

"Wir sind nach Hause gekommen und standen vor dem Nichts. Keiner wusste, wie's nun weitergehen soll", blickt Rudi Holzapfel zurück. Doch es gab da noch den einen Traum vom Bauernhof bei Kollnburg, den sie als Selbstversorger bewirtschaften wollten und für den sie sich als Mieter beworben hatten. Und auch dieses - eher romantisch anmutende - Unterfangen sollte sich in die Realität umsetzen lassen: Die beiden bekamen den Zuschlag - genauso wie für das Waldschmidthaus, das ihnen, wie sie sagen, nach der Zeit in Österreich "äußerst gelegen" kam. So gingen gleich zwei Träume für das junge Paar in Erfüllung. 

Als "Ideologen und Missionare" bezeichnen sie sich selbst, betrachten sich in gewisser Weise als "Aussteiger". Auf der einen Seite Sigrid, die sich gegen das scheinbar so wichtige Sicherheitsgefühl und für ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmtheit entschieden hat. Die sich getraut hat, wie sie offen zugibt, ihr "obrigkeitshöriges Dasein" zu überwinden und ihren eigenen Weg zu gehen. Die heute voller Überzeugung sagt: "Ich weiß, es kann nichts passieren, es geht immer weiter."

"Wir fühlen uns als Aussteiger und auch a bissal als Freaks"

Und auf der andere Seite Rudi, ihr Partner ausm Woid, der, wie er sagt, früher sehr freigebig war im Umgang mit Geld, und der heute mehr denn je auf ein nachhaltiges Konsumverhalten achtet, der viel Wert darauf legt, nur das Nötigste zu verbrauchen und sich gegen eine zunehmende Wegwerf-Mentalität richtet. "Wir fühlen uns als Aussteiger und auch a bissal als Freaks", sagt der 38-Jährige, der sich - genauso wie Freundin Sigrid - nicht mehr als Teil der klassischen Gesellschaft sieht.

Das Anders-Sein und das Anders-Handeln seien zu zentralen Elementen in ihrem Leben geworden. "Mir ist's heute nicht mehr wichtig, was die Leute über mich denken", sagt Rudi Holzapfel.

Und obwohl sie während ihrer ersten Saison wenige Meter unterhalb des Rachelgipfels so manches Mal "auf dem Zahnfleisch" daher gekrochen kamen, fehlt ihnen jetzt, in den Wintermonaten, in denen sie schließungsbedingt nicht im Waldschmidthaus zugange sind, bereits der Alltag als Hüttenwirte."Dort droben ist's halt um ein Vielfaches besser als im Büro. Es ist genau das, was wir uns gewünscht haben", bekräftigt Sigrid Kick mit etwas Abstand zu den Strapazen der Anfangszeit. Ein "tiefes Zufriedenheitsgefühl" habe sich eingestellt, pflichtet ihr Lebensgefährte bei.

Dort droben ist's halt um ein Vielfaches besser als im Büro

Im Mai geht's wieder weiter für die beiden. Bis dahin möchten sie bei Freunden und Bekannten jobben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch ein Urlaub in Thailand ist geplant.

Sie wollen frei entscheiden und das tun, worauf sie Lust haben - und etwa den Traum vom eigenen "Foodtruck" weiter vorantreiben. "Und wir müssen all das Bürokratische, das zuletzt liegen geblieben ist, nacharbeiten", sagt Rudi Holzapfel. Das gehöre nunmal zum Los der Selbstständigen, das stets zwischen gewissen Pflichten und Freiheiten schwanke. Ein Los, das trotz aller Berg- und Talfahrten nicht hätte besser sein können...