Vom Wald das Beste. – Nationalparkregion Bayerischer Wald
Vom Wald das Beste: Josef "Joe" Grünzinger

Vom Wald das Beste

Vom Wald das Beste: Josef "Joe" Grünzinger

Annathal/Freyung. Offen, neugierig, naturbegeistert, herzlich - Attribute, die heute den "neuen" Waidler fernab früherer konservativ-klischeehafter Verzopftheiten beschreiben. Eigenschaften, die man jedoch nicht immer gleich mit dem Menschenschlag in der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald in Verbindung bringt. Einer, der all diese Charakteristika in sich vereint, sich aber keinesfalls damit prahlerisch brüstet, ist Josef "Joe" Grünzinger. Der gebürtige Annathaler (Gemeinde Mauth) lebt und liebt den Bayerischen Wald als Reiseleiter, Wanderführer und Buchautor. Er stellt dabei stets die Sache in den Vordergrund – nicht die eigene Person.

Der heute in Freyung lebende 75-Jährige ist keiner, der sich etwas vornimmt und dann nach und nach umsetzt. Er ist vielmehr ein intuitiver Mensch, der aus dem Bauch heraus handelt und (meist richtig) entscheidet. So geschehen etwa im Frühjahr 1990: Als einer der ersten Hiesigen begab er sich damals auf "Erkundungstour" über die Grenze zu den lange Zeit unbekannten Nachbarn aus der ehemaligen ČSSR.

Zunächst stieß er dort auf beängstigende Ruinen früherer Prachtbauten und den latenten Argwohn der Einheimischen. Erst eine Runde Bier brach zumeist das Eis zwischen den einstigen Klassenfeinden.

"Das hat Eindruck hinterlassen"

"In einer Gaststätte habe ich zwei ältere Herren eingeladen, die sich ausschließlich auf Tschechisch unterhielten. Das hat Eindruck hinterlassen. Plötzlich durfte ich mich zu ihnen setzen - und sie haben sogar Deutsch mit mir gesprochen", erinnert sich Joe Grünzinger. Mit geselligen Kniffen wie diesem erfuhr der findige Kundschafter ab diesem Zeitpunkt viel Wissenswertes aus erster Hand. Die Tschechen akzeptierten und schätzten ihn im Laufe der Zeit - was auf Gegenseitigkeit beruhte.

Der Annathaler (im Volksmund: „Howareidler“) organisierte unter anderem Spendenaktionen für hilfsbedürftige Böhmerwäldler und initiierte den Wiederaufbau einer Kirche in Salnau (Želnava) - auch durch Spenden der Busreisenden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Joe Grünzinger wollte sich mit seinen Unterstützungsmaßnahmen keinesfalls anbiedern. Er war vielmehr überzeugt davon, dass er dort helfen müsse, wo nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Not im Grenzgebiet am größten war. Er half einfach, weil ihm sein Bauchgefühl sagte, dass dies richtig sei.

Jener hohe Grad an Selbstlosigkeit liegt in Joe Grünzingers Kindheit begründet. Im Bayerwald der Nachkriegszeit lernte er schnell, was es heißt, bedingungslos füreinander da zu sein. Er verinnerlichte, den Schwachen und Armen zu helfen - auch wenn ihm selbst nur sehr wenig zum Leben blieb. Und er begriff, dass ein respektvolles Miteinander von Mensch und Natur viele Vorteile für beide Seiten mit sich bringt. Freunde bezeichnen ihn als wachen Geist, der seit jeher wissbegierig durchs Leben schreitet und Informationen regelrecht in sich aufsaugt.

Er half einfach, weil ihm sein Bauchgefühl sagte, dass dies richtig sei.

Viele Erlebnisse haben Josef Grünzingers Charakter geprägt - und spiegeln sich auch in seinen Hobbys wider. Eigenen Aussagen zufolge war er einer der ersten Wanderführer überhaupt, die im Gebiet des heutigen Nationalparks Touristen durch die Natur begleiteten. Die Zusammenhänge von Flora und Fauna interessieren den Freyunger von Kindesbeinen an.

Doch auch die Orte und Sehenswürdigkeiten der deutsch-tschechischen Grenzregion haben es ihm angetan. Regelrecht stolz ist er auf all die Bauten und Errungenschaften dies- und jenseits der Grenze. Daher fungiert Grünzinger bis heute als leidenschaftlicher Reiseleiter - und hat sogar ein Buch über seine Lieblingstouren verfasst.

Am meisten liebt er jedoch den Umgang mit Menschen, denen er mit Freude zeigen kann, was seine Heimat alles zu bieten hat. Sein Wissen, das er während der Ausflüge gerne weitergibt, rührt dabei nicht vom ausgiebigen Studium entsprechender Ratgeber. Der Howareidler profitiert vielmehr von seinen zahlreichen, auf eigene Faust unternommenen Erkundungstouren sowie den Geschichten, die er aus erster Hand von den Einheimischen erzählt bekommen hat. Ein schier unbegrenzter kultureller Erfahrungsschatz, den Joe Grünzinger auf diese Weise zusammentragen konnte.

Auf seinen Reisen spielt neben der reinen Wissensvermittlung jedoch auch der Unterhaltungswert eine große Rolle. Aufkommende Langeweile versucht er dabei so gut es geht zu verhindern. "Es bringt überhaupt nix, wenn ich mit Jahreszahlen um mich schmeiße", betont er und lacht. "Auf Nachfrage sollte man wichtige Daten jedoch im Kopf haben."

"Ich habe nicht nur den Soldaten gesehen, sondern vor allem den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Problemen"

Die berufliche Karriere passt auf den ersten Blick nicht so ganz zum Charakter des Freyungers. Joe Grünzinger blieb nach seiner Ausbildung zum Waldbauern sowie dem darauf folgenden Grundwehrdienst dem "Barras" treu. Die starren Bundeswehr-Strukturen und das strenge Befehl-und-Gehorsam-Prinzip stehen offenbar im Widerspruch zu seiner Offenheit und Toleranz. Das gibt er auch selber zu.

Er hat jedoch als Vorgesetzter seine ganz eigenen Umgangsformen entwickelt. "Ich habe nicht nur den Soldaten gesehen, sondern vor allem den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Problemen. Es war mir immer wichtig, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen - und so etwaige Schwierigkeiten bereits aus der Welt zu schaffen, bevor sie entstehen."

Oftmals stellte sich Joe Grünzinger während seiner Zeit beim "Bund" die Frage, ob er auf einen Menschen schießen könnte, wenn er denn müsste. "Das kann ich nicht beurteilen. Gott sei Dank bin ich nie in eine solche Situation gekommen - trotz Prager Frühling und dem angespannten Ost-West-Verhältnis zu jener Zeit." Der 75-Jährige - rein äußerlich eher ein Lieber-Opa-Typ mit ehrlichen Augen und einnehmenden Wesen - ist keiner, der die direkte Konfrontation sucht, sondern durch und durch kompromissbereit und diplomatisch vorgeht.

Er sorgte dafür, dass Kultur in der Kaserne Einzug hielt

Von Auslandseinsätzen blieb er verschont - glücklicherweise, wie er heute feststellt. Entsprechende militärische Operationen wurden erst nach seiner Pensionierung im Jahr 1994 durchgeführt.
Joe Grünzinger ging sogar soweit, die Bundeswehr für seine Vorlieben zu "missbrauchen", wie er dies rückblickend mit einem Augenzwinkern nennt. Nach seiner Heimkehr aus Niedersachen, wo der Waidler einige Jahre eingesetzt war, gründete er gemeinsam mit Franz Baumgartner Mitte der 1980er das erste Musikkorps der Freyunger Garnison.

Von da an sorgte der umtriebige "Spieß" dafür, dass die Kultur Einzug in der Kaserne am Goldenen Steig hielt. Von da an wurden viele regionale Musikanten, die ihren Wehrdienst leisteten, zusammengezogen, um militärische, weltliche oder kirchliche Ereignisse musikalisch zu umrahmen. 

"Eine Zeit, die sich vor allem menschlich sehr wertvoll gestaltete"

Neben seinem Interesse für die Natur und seine Heimat war Joe Grünzinger, dessen Spitzname auf Beatles-Star John Lennon zurückgeht, lange Jahre auch außerhalb der Bundeswehr als überzeugter Musikant unterwegs: Etwa als Tenorhorn-Spieler bei der Annathaler Blaskapelle um Alfred Gibis, mit der er 16 Jahre lang auftrat.

Oder bei der Herzogsreuter Blaskapelle unter der Leitung von Alfons Gaisbauer und später Hans Haas, bei der er zwei Jahrzehnte lang aktiv war. Eine Zeit, die sich "vor allem menschlich sehr wertvoll“ gestaltete - und an die er sich heute noch gerne erinnert. 

Natur, Kultur, Volkskunde, Musik: Josef Grünzinger besitzt – genauso wie der Bayerische Wald – viele bemerkenswerte Facetten. Das Waidlerherz liebt den Woid und seine Menschen - und er achtet seine Heimat. Er weiß, wie die Leute hierzulande ticken. Er versucht stets, das Gebiet um Rachel und Lusen ins rechte Licht zu rücken.
Und obwohl sich der 75-Jährige als Wanderführer und Reiseleiter inzwischen zurückgezogen hat, prägen diese Tätigkeiten bis heute sein Dasein: "Wir müssen die Natur gemeinsam verstehen und wertschätzen lernen. Nur dann sind wir auf dem richtigen Weg.“

"Wir müssen die Natur gemeinsam verstehen und wertschätzen lernen"

Mit Freuden stellt er fest, dass sich die Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald positiv entwickelt hat - wirtschaftlich, gesellschaftlich und touristisch betrachtet. "Im Vergleich zu früher hat sich der Bayerwald enorm gesteigert", macht Josef Grünzinger deutlich. "Gerade wir im Landkreis Freyung-Grafenau profitieren enorm vom Nationalpark, dessen absoluter Befürworter ich bin."

Das Motto „Natur Natur sein lassen“ gilt dabei für den Freyunger genauso wie sein Lebenscredo: „Den Menschen Mensch sein lassen.“