Vom Wald das Beste. – Nationalparkregion Bayerischer Wald
Vom Wald das Beste: Katharina Zechmann, die "Quetsch-Kathe"

Orte

Vom Wald das Beste: Katharina Zechmann, die "Quetsch-Kathe"

Quetsch. Dass ihr Beruf auch ihr Lebensinhalt ist, wird alleine anhand der Aufteilung des Erdgeschosses ersichtlich. Dort sind - wie sollte es in einem Wirtshaus auch anders sein - die Küche, die Gaststube, die Toiletten sowie ein etwas größeres Nebenzimmer untergebracht. Dort befindet sich aber auch eine Art Wohnzimmer – recht gemütlich eingerichtet mit Kanapee, Tisch und Fernseher.

Es gibt offensichtlich keine Trennung zwischen Privat- und Berufsleben. "Bin i dahoam, is s'Wiatshaus aa offa", betont Wirtin Katharina Zechmann nüchtern. Die 81-Jährige ist die Chefin im Gasthaus "Quetsch" bei Hartmannsreit in der Marktgemeinde Schönberg - und mehr als das, denn: Die „Quetsch-Kathe“ - oder, wie sie auch einfach nur genannt wird, „s'Kahtal“ - und ihre Gaststätte sind schon längst Kult.

Jener Status liegt wohl jedoch nicht darin begründet, dass Katharina Zechmann versuchen würde, auf irgendeine Art anders zu sein als ihre Wirtskollegen. Die Bodenständigkeit, das einfache Leben, ausgerichtet ausschließlich auf ihre Gäste, aber auch ihr rigoroses Auftreten in Verbindung mit der Empathie, die die alte Dame zu jeder Zeit ausstrahlt, ist vielmehr das, was die "Quetsch-Kathe" zu dem macht, was sie ist: Eine Frau, die weit über die Gemeindegrenzen des Marktes Schönberg hinaus Bekanntheit erlangt hat. Bei der man einfach einkehren muss, um eine frische Halbe Bier zu genießen und ihren schier nicht enden wollenden, jedoch keinesfalls eintönigen Erzählungen zu lauschen.

Die Wände scheinen regelrecht vor Geschichten und Erinnerung zu triefen

Ein Wort, das Katharina Zechmann wohl am besten beschreibt, ist der bayerische Begriff "haglbuachan". Geprägt von einem nicht immer einfachen Leben, in dem Gefühle und Bedürfnisse oft durch harte Arbeit zu Nebensächlichkeiten degradiert worden sind, hat sich s'Kathal trotz aller Widrigkeiten ihr griesgrämig-lustiges, lebensbejahendes Gemüt bewahrt. Harte Schale, weicher Kern - würde man es wohl im Hochdeutschen nennen.

Eine ganz ähnliche Charakterisierung ist auch für das Gasthaus zutreffend: Die Wände scheinen regelrecht vor Geschichten und Erinnerung zu triefen. Die in die Jahre gekommene Einrichtung ist derart schlicht und einfach, dass sie schon wieder als außergewöhnlich bezeichnet werden kann. Die Schänke, die Stühle und Tische, der Herd, die Küchengeräte und Bilder an den Wänden – all diese zum Gesamtbild gehörenden Bestandteile des Inventars sind Zeitzeugen und Alltagsgegenstände zugleich.

Errichtet wurde das Gasthaus Quetsch, direkt an der Verbindungsstraße zwischen Oberkreuzberg und Schönberg gelegen, vor mehr als 100 Jahren durch den Landkreis. Wann das genau war, kann Katharina Zechmann nicht sagen. "Des woas koana mehr." Das seit jeher mit Schindeln verkleidete Gebäude diente zunächst als Kantine und Übernachtungsquartier für die Arbeiter des benachbarten Steinbruchs. Dort wurden die Felsblöcke aus dem Berg "gequetscht", wie es im Volksmund heißt - daher auch der Ortsname "Quetsch".

Der Steinabbau im Bayerischen Wald wurde jedoch Mitte des vergangenen Jahrhunderts unrentabel. Der Steinbruch wurde geschlossen, das Gasthaus verlor seine Grundlage. "Mei Ma is hoamkema und hod g’sogt, dass d‘Quetsch vakaafd wiad - und dann hamas mia iwanuma", erinnert sich die 81-Jährige an den Schlüsselmoment ihres Lebens. Am 1. Oktober 1968 hat Familie Zechmann die Gaststätte dann erworben. Was aus heutiger Sicht relativ unspektakulär klingt, war es damals keineswegs. Die vierköpfige Familie nagte zwar in der Nachkriegszeit nicht am Hungertuch, war aber finanziell auch nicht gerade auf Rosen gebettet. "Grouße Sprüng hama nia ned mocha kind."

"Dann bin i hoid a Wiadin woan"

Ihr Mann war Lkw-Fahrer, während sie sich ein kleines Zubrot "im Elsenthal" verdiente. Eine Totgeburt machte die damals junge Frau jedoch arbeitsunfähig, an Fabrikarbeit war nicht mehr zu denken.

Ein Schicksal, das zu jener Zeit nichts Ungewöhnliches war. Deshalb kann Katharina Zechmann heute scheinbar ohne Schwierigkeiten über jene Tage sprechen. Was passiert ist, ist passiert - und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. "Dann bin i hoid a Wiadin woan", erzählt sie rückblickend. Punkt. Aus. Keine weiteren Erklärungen nötig.

Katharina Zechmann, Wirtin des Gasthaus zur Quetsch in Schönberg

 

"Bin i dahoam, is s'Wiatshaus aa offa"

Den Kaufpreis ("des wa ned veij, owa mia hamas trotzdem ned ghod") und die ersten Investitionen ("easchd hama moi a Klo und a Kläranlag braucht") konnten die Jung-Gastronomen nur deshalb stemmen, weil ihnen ein Verwandter Geld geliehen hatte. "Dem bin i guad zum G‘sicht gstandn", berichtet die Wirtin. Ein kurzes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Noch heute kann sie sich über diesen unerwarteten, aber überaus notwendigen Coup freuen. Auch wenn ihr Ehemann weiterhin seiner Tätigkeit nachging, war der Erwerb der Quetsch mit einem großen Risiko verbunden: Die Existenz einer ganzen Familie hing am Erfolg des Wirtshauses.

"I ha ma fei des ois seijwa ozoid."

Ausgestattet mit einer gewissen Naivität und einem Arbeitseifer, der seinesgleichen sucht, wurde allen voran Mutter, Hausfrau und Wirtin Katharina Zechmann für ihren Mut belohnt. D'Quetsch wurde wiedereröffnet - die Gäste kamen in Strömen und blieben oft gerne bis in die tiefe Nacht hinein sitzen. "Damois hamd d‘Leid ned veij Geijd ghod, hand owa trotzdem fuadganga - vor allem d‘Bauern", erinnert sie sich. "Manchmoi han es aueweafa miasn - a weng an Schlof brauch i aa", ergänzt sie mit entschuldigendem Unterton, als würde sie noch heute dem dadurch fehlenden Umsatz nachtrauen. "Gaij", ergänzt sie sogleich mit Nachdruck, "i ha ma fei des ois seijwa ozoid."

Nicht nur die Kredite hatte sie zielstrebig und schneller als erwartet abgestottert. Auch weitere Investitionen stemmte Katharina Zechmann ohne größere Probleme. Ein Nebenraum wurde errichtet, dann noch ein zweiter. Der erweiterte Platzbedarf lag vor allem im Jagd- und Schützenverein Quetsch begründet. Denn bevor die knapp 400 Mitglieder starke Schützengemeinschaft ihr eigenes Gebäude erbaute, wurde im Gasthaus Quetsch regelmäßig geschossen - und natürlich auch gefeiert. "Des warnd na Zeitn", blickt s’Kathal mit etwas Wehmut zurück. "Do hama in Zapfhahn fast ned osteijn miasn."

"Do hama in Zapfhahn fast ned osteijn miasn."

Der Gang ins Wirtshaus war in den 1970er und 80er Jahren noch eine willkommene, ja fast schon alternativlose Abwechslung zur Arbeit. A Hoiwe Bier, a Raugg und a Schmatz waren  in Zeiten fernab von Handys, Social Media und anderen modernen Freizeitaktivitäten noch von gesellschaftlichem Wert, wie Katharina Zechmann findet. "Damois is‘ aa na efda kritisch woan", berichtet die Wirtin von hitzigen Diskussionen und den darauf folgenden, zumeist „körperlich ausgetauschten“ Argumenten.

"Owa des ha i ned meng, wenns raffand"

"Owa des ha i ned meng, wenns raffand. I ha ma dann a Pfefferspray kafd - und dann war a Ruah." Zum Einsatz kam jener Reizstoff jedoch nie, wie sie sogleich betont. Allein die bloße Anwesenheit der Sprühdose erstickte zumeist jegliche Angriffslust im Keim.

Diese von da Quetsch-Kathe in allen Einzelheiten wiedergegebenen und unter Berücksichtigung aller beteiligten Personen geschilderten Wirtshausgeschichten gehören jedoch längst der Vergangenheit an. Eine Tatsache, die selbst der scheinbar hartgesottenen Wirtin nahe geht. "Naa, es is nix mehr wia friaras", fasst sie kurz und knapp die gegensätzliche Entwicklung der bayerwäldlerischen Wirtshauskultur zusammen.

Die schnelllebige Gesellschaft, der Druck am Arbeitsplatz, die Angst vorm Führerscheinentzug, das Rauchverbot, die härteren Regeln im Umgang mit den Sportwaffen - all das hätte dazu geführt, "dass d‘Leid koa Bier mehr dringand. Owa mit an gloan Cola und an Wossa is hoid aa nix vadead."

"Naa, es is nix mehr wia friaras"

Auch Wanderer und der Durchgangsverkehr würden heute nicht mehr im Gasthaus Quetsch einkehren, sagt sie. War es vor zehn, zwanzig Jahren noch Usus, dass Katharina Zechmann jeden Mittag ein Gericht auf der Tafel vor dem Wirtshaus angeschrieben hatte, beschränken sich ihre Kochkünste inzwischen auf langfristigere Voraus-Bestellungen anlässlich größerer Feierlichkeiten wie Geburtstage oder Vereinsfeste.

Die regelmäßigen Positiv-Meldungen in der Presse, dass der Tourismus im Bayerischen Wald wieder auf dem aufsteigenden Ast sei, verfolgt die Gastronomin deshalb mit Skepsis. Es sei längst Normalität, dass nach dem Sonntagvormittag-Stammtisch erst wieder am Freitag die Gäste zu ihr kommen.

Die Urlauber würden ohnehin die gesamte Zeit ihres Aufenthalts in den All-inclusive-Hotelburgen verbringen, anstatt auch mal die kleineren Wirtshäuser zu besuchen, kritisiert Katharina Zechmann.

 

"A bissal mehr G‘schäft kand scha geh - es wiad owei schwieriga"

"A bissal mehr G‘schäft kand scha geh - es wiad owei schwieriga", stellt sie fest. Zwar seien ihre Söhne und Schwiegertöchter nicht abgeneigt, das Lebenswerk der Quetsch-Kathe weiterzuführen, wie sie erzählt. Ob das die 81-Jährige jedoch überhaupt möchte, scheint mehr als fraglich. Denn: "Mit an Wirtshaus is heid nix mehr vadead." Sie selbst will solange weitermachen wie möglich - und solange es die Gesundheit zulässt. Zu viel liegt ihr an ihrem Wirtshaus, zu sehr ist die Witwe inzwischen mit ihrem Beruf verheiratet.

Einen Ruhetag oder gar Urlaub hätte sie seit 50 Jahren nicht mehr gehabt, wie sie nicht ohne Stolz betont. Lediglich ab und zu einen Ausflug mit dem "Weiberverein" Schönberg habe sie sich gegönnt. "I brauch ned mehr", sagt sie voller Überzeugung. Zerstreuung findet die leidenschaftliche Imkerin in ihrem Bienenhäuschen, direkt neben dem Gasthaus gelegen. Ein Hobby, das ihr einst mehr oder weniger aufs Auge gedrückt wurde und vordergründig nicht aus eigenem Interesse entstanden ist. Ein Gast habe ihr "a Voik aufg‘schmatzt", woraufhin sie sich mit der Bienen-Materie notgedrungen etwas eingehender beschäftigen musste - "wei eigeh lossn kann es aa ned, de Viecha."

Doch auch dieser Zeitvertreib geschieht in ständiger Abrufbereitschaft und in unmittelbarer Nähe zur Gaststube. Denn generell ist die Quetsch-Kathe "owei dahoam", wie sie pflichtbewusst versichert. Einzig Einkaufsfahrten ins nahegelegene Schönberg seien regelmäßig unumgänglich. "Owa ned oidoa", sagt Katharina Zechmann mit einem wissenden Lachen - und ergänzt: "I ha scha meine Zeiten. Des dua i, wenn i woas, dass hundertpro neamd kimd."