Vom Wald das Beste: Olympiateilnehmer und Allrounder Detlef Nirschl

Schönberg. Sein Leben beinhaltet viele Etappen, die jeweils genügend Stoff für eine ausführliche Biographie bieten würden: Er war aktiver Langläufer mit Starts bei vielen internationalen Rennen; war als Mitarbeiter im Landratsamt Wegbereiter vieler Sportstätten im Landkreis Freyung-Grafenau; war als Langlauf-Bundestrainer Teilnehmer bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen; und er war als Schönberger Bürgermeister maßgeblich beteiligt an der Entwicklung seiner Heimatgemeinde.

Heute, mit etwas Abstand, spricht Detlef Nirschl von einem „abwechslungsreichen Leben“, in dem er alles erreicht hat - und mit dem er „sehr zufrieden“ ist.

Nur so dahin gesagte Worte? Mitnichten. Denn: Kennt man den Mann aus Eberhardsreuth (Gemeinde Schönberg) etwas näher, so weiß man, dass diese Reflexion das Ergebnis eines langen Prozesses ist. Mit Rückblicken hat sich der 75-Jährige nur selten aufgehalten. Er wollte seine Ideen umsetzen, Dinge ins Rollen bringen - und sich weniger mit Vergangenem beschäftigen. "War etwas zu Ende, dann ganz und gar", betont Detlef Nirschl. Eine Einstellung, die sich über die Jahre hinweg entwickelt hatte – fernab von besserwisserischen Tipps und gut gemeinten Ratschlägen anderer.

Den Eberhardsreuther als Sturkopf, gar als Egoisten abzustempeln, wäre vermessen. In allen Kapiteln seines Lebens musste der heute 75-Jährige große Empathie aufbringen, um erfolgreich zu sein. "Alle meine Berufe eint der Fokus auf Menschenführung und Organisation", wie er feststellt. Und so konnte er alles, was er sich vornahm, auch umsetzen.
 

"War etwas zu Ende, dann ganz und gar."


Doch die Vorzeichen für ein Leben ohne Sorgen standen alles andere als gut. Der Vater war während des Krieges an der verheerenden Schlacht um Stalingrad beteiligt, geriet anschließend in russische Gefangenschaft, aus der er nie zurückkehrte. Seine Mutter, die nach der Heirat nach Zwiesel zog, während des Krieges jedoch kurzzeitig in ihre ostpreußische Heimat übersiedelte und von dort schließlich wieder vor den russischen Besatzern in den Woid floh, kümmerte sich - trotz aller Widrigkeiten - rührend um die kleine Familie. "Ich kann mich nicht mehr an die Flucht aus Ostpreußen erinnern", erzählt Detlef Nirschl. "Aus Erzählungen weiß ich aber, dass es schrecklich gewesen sein muss. Mit dem Zug quer durch Deutschland, immer wieder Fliegerangriffe, die Angst." Der Eberhardsreuther hält kurz inne – und ergänzt nach einer kleinen Pause: "Als junger Mann wollte ich mal nach Ostpreußen, was während des Eisernen Vorhangs jedoch nicht möglich war. Mittlerweile bin ich irgendwie froh, dass das nicht geklappt hat."

Eine dunkle Zeit, die viele Beteiligten zu verdrängen versucht haben - mal mehr, mal weniger erfolgreich. "Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich das alles noch nicht so richtig mitbekommen habe." Detlef Nirschl wuchs indes Wohlbehalten in Zwiesel auf. Die Eltern des verstorbenen Vaters waren Fuhrunternehmer und kümmerten sich um die verwitwete Schwiegertochter samt den Kindern. Der spätere Stiefvater ersetzte den verstorbenen leiblichen Vater. Man haderte nicht mit der damals herrschenden Armut im Bayerischen Wald, sondern versuchte vielmehr das Beste aus der Situation zu machen. Geprägt war Nirschls Jugendzeit deshalb von einem starken Miteinander, der Eine half dem Anderen - ohne Wenn und Aber.

Der Eine half dem Anderen - ohne Wenn und Aber

Nach der erfolgreich abgeschlossenen Realschule in Grafenau absolvierte Detlef Nirschl eine Ausbildung zum Glasingenieur an der Glasfachschule Zwiesel. Ein vorausgegangener Versuch an der Lehrerbildungsanstalt in Straubing scheiterte - "das war nicht mein Ding. Doch auch die Glassache habe ich skeptisch gesehen. Schon damals habe ich gemerkt, dass der Bayerwald irgendwann nicht mehr mit der Billigproduktion anderer Länder mithalten kann. Das Ende vieler Glashütten war vorprogrammiert." Nebensächlichkeiten. Denn schon bald führte eine "einschneidende Wende" den jungen Waidler auf einen anderen Weg.

Wie rund um Zwiesel nicht gerade unüblich, galt auch Detlef Nirschl als begeisterter Fußballer und Langläufer. Seine wintersportlichen Erfolge gingen gar soweit, dass er sich im Jahr 1963 den Titel des deutschen Juniorenmeisters im Langlauf sichern konnte – eine Auszeichnung, die im gesamtbiographischen Kontext gar nicht hoch genug einzuschätzen ist.

 

Zwar verlief Detlef Nirschls Karriere als aktiver Langläufer - bis auf einige Starts bei internationalen Wettbewerben - eher überschaubar. Dennoch knüpfte er bereits zu jener Zeit Kontakte, die ihm später noch zugutekommen sollten. Dank seiner Aufnahme in den Sportförderkader des Bundesgrenzschutzes konnte er nach seiner Sportler-Laufbahn am Landratsamt in Freyung arbeiten. "Ich habe meine Frau kennengelernt, wir haben in Eberhardsreuth gebaut - ich wollte deshalb in die Heimat zurückkehren und habe diesen Job dankend angenommen." Als Sachbearbeiter im Sportreferat kümmerte sich Detlef Nirschl hauptsächlich um den Sportstättenbau. Ende der 60er Jahre, als viele Fußballvereine in Freyung-Grafenau gegründet wurden, hatte er ebenfalls einiges in diesem Bereich zu tun. "Eine unwahrscheinlich gute Zeit", wie der 75-Jährige heute gerne zurückblickt.

"Eine sehr intensive, aber auch sehr interessante Zeit."

Trotz der intensiven Zeit am Landratsamtsschreibtisch kam er nicht vom Langlauf los. Als ehrenamtlicher Trainer der Schulen in Schöfweg und Grafenau feierte er große Erfolge auf bayerischer Landesebene und rückte so wieder in den Fokus des Deutschen Skiverbands. Frühere Wegbegleiter wie Walter Demel fungierten dort inzwischen als Funktionäre - und holten Detlef Nirschl als Talentspäher zurück zum DSV. Die Ausbildung zum Trainer absolvierte er ohne Probleme – folglich wurde er von 1978 bis 1988 als Coach der deutschen Langlauf-Bundesauswahl engagiert. "Eine sehr intensive, aber auch sehr interessante Zeit", erinnert sich der Bayerwäldler. Jochen Behle, Sepp Schneider, Stefan Dotzler und Georg Zipfel zählten zu "seinen Athleten", mit denen er an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teilnahm. Ein Leben für den Sport, ein Leben für den Erfolg.

 

Jedoch auch ein Leben ohne die Familie im heimischen Woid. "Bei einer Steuererklärung habe ich mal angegeben, dass ich 280 Tage im Jahr unterwegs war", berichtet Detlef Nirschl. "Eigentlich unfassbar. Irgendwie logisch, dass das nicht ewig so weitergehen konnte." 1988 kehrte er deshalb in die Marktgemeinde Schönberg zurück. Einerseits, um endlich bei seiner Frau und den Kindern zu sein. Andererseits, weil die Kommunalpolitik in Person von Karl Bayer rief. Der letzte Landrat des Landkreises Grafenau und damals einer der prägendsten Politiker des Bayerischen Waldes wollte Detlef Nirschl als Bürgermeister von Schönberg installieren - obwohl dieser keine politische Erfahrung vorweisen konnte. "Ja, das ist schon ein bisschen überraschend gekommen. Ohne mir viel Gedanken zu machen, habe ich diese Chance jedoch genutzt."

"Irgendwie logisch, dass das nicht ewig so weitergehen konnte."

In der Stichwahl wurde Nirschl 1988 dann zum Bürgermeister der Marktgemeinde Schönberg gewählt. Von jetzt auf gleich von der Langlauf-Piste auf den Rathaussessel. Eine ganzheitliche Umstellung, die der Eberhardsreuther ohne größere Probleme meisterte. Typisch für ihn. "Ich muss zugeben, ich wusste nicht so recht, was auf mich zukommen wird. Aber irgendwie habe ich es geschafft." Während seiner zwölfjährigen Amtszeit wurde etwa das Bad saniert, das Kulturzentrum KuK gebaut, das Ortszentrum modernisiert. "Wie all meine Jobs zuvor hat mir das enorme Freude bereitet. Scheinbar liegt mir das Organisieren."

Genauso abrupt wie seine Laufbahn als Bürgermeister begann, endete sie auch wieder. 2002 hatte man Nirschl zufolge in Schönberg eigentlich erwartet, dass er nochmal kandidiert. Doch nach einem kurzen, aber richtungsweisenden Gespräch mit seiner Frau stand für den damals 60-Jährigen fest, sich in den Ruhestand zu verabschieden. Von jetzt auf gleich – ganz nach seiner Fasson. "Wir wollten unser Leben noch genießen. Wir haben uns vorgenommen, viel zu reisen und mit dem Rad zu fahren - und genau das haben wir gemacht", erzählt ein sichtbar zufriedener, braungebrannter Mittsiebziger.

Von jetzt auf gleich - ganz nach seiner Fasson

Sitzt er auf der Terrasse seines Anwesens auf einer Anhöhe von Eberhardsreuth, hat er nicht nur einen phantastischen Blick über "seine" Gemeinde, er kann auch völlig aufgeräumt auf sein abwechslungsreiches Leben zurückblicken. Er genießt es regelrecht, nicht mehr im Mittelpunkt stehen zu müssen, in den Tag hinein leben zu können - ohne irgendwelche Termine oder Gespräche. Er genießt es, dass er jetzt in einem Kapitel seines Lebensbuches angekommen ist, das nur mehr wenige, aber dafür umso entspanntere Seiten beinhaltet.


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