Vom Wald das Beste. – Nationalparkregion Bayerischer Wald
Vom Wald das Beste: Willi Steger aus Riedlhütte

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Vom Wald das Beste: Willi Steger aus Riedlhütte

Riedlhütte. Der Blick aus dem Wohnzimmer-Fenster erfüllte ihn vor nicht allzu langer Zeit noch mit Stolz. War doch - zumindest schemenhaft - sein Lebenswerk dort draußen zu sehen. Und obwohl er nicht zu den Gründern dieses für Riedlhütte so identitätsstiftenden Unternehmens gehörte, trug er als Betriebsleiter maßgeblich zu dessen inzwischen verblasster Erfolgsgeschichte bei.

Doch mittlerweile meidet Willi Steger den früheren Lieblingsplatz in seinem Haus. Die Erinnerungen an die Zeit in der ortsansässigen Glasfabrik sind nunmehr vor allem mit einem Gefühl verbunden: Ratlosigkeit. Das Nachtmann-Aus hat Spuren beim 85-Jährigen hinterlassen. Spuren, die ihm „noch heute im Herzen wehtun“.

Allein diese Aussage macht deutlich, welch Rolle die ehemalige Glashütte in Willi Stegers Leben eingenommen hat. Die Glasproduktion in Riedlhütte und der von mehreren Medien als "Glas-Papst" bezeichnete Mann gehörten lange Jahre zusammen wie Pech und Schwefel - bis zu jenem überraschenden Ende der Nachtmann-Fabrik.

Dass die für den Bayerischen Wald so prägende Herstellung von Glas zum Lebensinhalt des gebürtigen Oberpfälzers werden sollte, war dabei lange nicht abzusehen.

Das ist hier meine Heimat

Seine Leidenschaft für das zerbrechliche Material war eher dem Zufall geschuldet - eine späte, aber umso stärkere Liebe, ja fast schon eine Sucht, die Willi Steger ganz nebenbei zu einem überzeugten Riedlhütter Bürger werden ließ.
"Das ist hier meine Heimat", kann er heute mit Nachdruck sagen.

Obwohl der 85-Jährige eine wohl typische (Nach-)Kriegs-Kindheit durchlebte und auch später immer wieder diverse Schicksalsschläge hinnehmen musste, ist "Glück" ein Wort, das Willi Steger beim Rückblick auf seine Biographie häufig verwendet.

Es sei beispielsweise ein Glück gewesen, trotz einiger Nächte im Bombenkeller eine relativ unbeschwerte Kinder- und Jugendzeit zu durchlaufen.

Ein Ereignis allerdings – er war zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt - lässt den recht souverän wirkenden Mann kurz innehalten. Tränen sammeln sich in seinen Augen, wenn er an den frühen Tod seiner Mutter denkt - auch jetzt noch, mehr als sieben Jahrzehnte danach. Ein kurzer, emotionaler Ausbruch, der verdeutlicht, dass hinter der Fassade des zielstrebigen Geschäftsmannes, der in einer eher gefühlsarmen Welt aufgewachsen ist, ein sensibler Mensch steckt.

So bezeichnet ihn übrigens auch seine Frau Christa: "Willi hatte immer eine klare Linie, gewisse Grundsätze, die ihm wichtig waren. Doch er war auch ein Chef, der stets ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter hatte. So hat er nie jemanden entlassen, er hat vielmehr nach Lösungen von Problemen gesucht - und sie immer gefunden - auch wenn sie mit viel Zeit und Mühen verbunden waren."

"Willi hatte immer eine klare Linie"

Christa Stegers Worte wirken eindringlich und zweifelsfrei authentisch. Seit 60 Jahren ist sie mit ihrem Mann verheiratet, hat Höhen und Tiefen mit ihm durchlebt - und ihn in verschiedensten Lebenssituationen kennengelernt. Bereits sehr früh war sie eine wichtige Stütze für Willi Steger, eine Wegbegleiterin seiner beruflichen Karriere.
Nach der Schulzeit fand der junge Mann zunächst keine Ausbildung, verdingte sich als Vertreter für landwirtschaftliche Gerätschaften - in der von Armut geprägten Mitte des vergangenen Jahrhunderts wahrlich keine leichte Aufgabe.

"Doch ich habe damals gelernt, mich gut zu verkaufen, Werbung für mich und meine Produkte zu machen", blickt Steger heute zurück. Letztlich durfte er dann eine Ausbildung in einer Glasfabrik in seiner oberpfälzischen Heimat absolvieren. Er überzeugte dabei nicht nur mit Fleiß, sondern auch mit seiner kreativen Ader und seinem plastischem Vorstellungsvermögen.

 

Dieses Talent hatte zur Folge, dass er als frisch gebackener Geselle die Glasfachschule in Zwiesel besuchen durfte. Eine große Ehre für den ehrgeizigen Handwerker, der aus einer einfachen Familie stammt und gerade in einer Zeit, in der jede Arbeitskraft gebraucht wurde, in den Genuss dieser besonderen Ausbildung kam.

Zwiesel und der gesamte Bayerische Wald waren von da an für ihn das Paradies schlechthin. Nicht nur, weil er in der grenznahen Region sein Wissen über die Glasproduktion verfeinern konnte und dort schließlich seinen beruflichen Höhepunkt erlebte, sondern auch, weil er im Woid seine Frau Christa kennenlernte, mit ihre eine Familie gründete - und Riedlhütte zu seiner neuen Heimat wurde.

Und schon sind wir wieder bei Willi Stegers besseren Hälfte angelangt. Christa agierte – von außen betrachtet - stets im Hintergrund als Ehefrau und Mutter.

Sie hielt klassischerweise ihrem Mann den familiären Rücken frei – auf sehr freundliche und unaufgeregte Art und Weise.

Noch heute ist sie dafür zuständig, dass es Gästen des Hauses an nichts fehlt. Und auch der Hausherr selbst wird rundum von ihr versorgt.

"Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich nun bin."

Christa Steger ist aber seit jeher auch „das Gewissen“ ihres Partners, ist wichtigster Ansprechpartner bei Fragen aller Art, ist Sekretärin und Ghostwriterin. Darüber hinaus führte sie später im Sinne ihres Mannes hauptverantwortlich den Förderverein für die Glasfachschule Zwiesel und engagiert sich nach wie vor im Karl-Klostermann-Verein.

"Wichtige Briefe hat immer die Christa geschrieben, nachdem ich ihr gesagt habe, in welche Richtung sie gehen sollen", berichtet Willi Steger.

"Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich nun bin", findet er lobende Worte. Beide kennen, lieben und schätzen sich - sind aber auch gegenseitig ihre jeweils größten Kritiker.

 

Das Eheleben der Stegers ist auch mit einer gewissen Leidensfähigkeit verbunden. Es war im Hause der Riedlhütter normal, alles dem Betrieb unterzuordnen. Denn Willi Steger war praktisch rund um die Uhr für "seine" Glasfabrik im Einsatz.

Zur Frühschicht begann sein Arbeitstag mit einem Gang durch die Produktion. Der Chef selbst war stets direkt erster Ansprechpartner für seine Mitarbeiter. Er wusste daher immer, wo der Schuh drückte und konnte somit mögliche Probleme bereits im Keim ersticken. "Das war mir sehr wichtig. Als Betriebsleiter muss ich ja wissen, was, wo, warum los ist."

Praktisch rund um die Uhr für "seine" Glasfabrik im Einsatz

Generell schien Willi Steger omnipräsent zu sein, wie seine Frau erzählt. Er kümmerte sich um den obligatorischen Papierkram, er beteiligte sich selbst immer wieder an der Produktentwicklung, war regelmäßig direkt im Werk sowie bei verschiedensten Verbänden, Schulen und sonstigen glasspezifischen Einrichtungen engagiert.

Dieser schier unbändige Einsatz brachte ihm einerseits den Respekt der Belegschaft ein. Andererseits war er in gewisser Weise dafür gefürchtet, „alles zu sehen und zu hören“.

Ein Chef, der die Zügel zwar streng in der Hand hielt, aber nicht stur seine eigene Meinung durchzubringen versuchte.

Willi Stegers Weg schien der richtige zu sein. Die Glasfabrik Riedlhütte entwickelte sich prächtig, mutierte zu einem der größten Arbeitgeber des Bayerischen Waldes und zu einem Vorzeigebetrieb in der Glasproduktion. Eine echte Erfolgsstory, die jedoch jäh endete.

"Die erste Zeit im Ruhestand war sehr schwierig für mich"

Eine zur Riedlhütter Produktion gegensätzlichen Trendentwicklung, ein Inhaber-Wechsel, Streit in der obersten Führungsebene - seine Glaswelt verlor mehr und mehr an der von ihn besonders geliebten Klarheit, sodass dem Workaholic die Pensionierung im Jahr 1999 nicht einmal ungelegen kam.

"Die erste Zeit im Ruhestand war sehr schwierig für mich", gibt Willi Steger offen zu. Nur langsam konnte er ein aus seiner Sicht lebenswertes Leben außerhalb der Berufswelt formen - natürlich und vor allem mit Hilfe seiner Frau. Der Karl-Klostermann-Verein, der sich für das deutsch-tschechische Miteinander stark macht, nahm dabei eine prominente Rolle ein.

Darüber hinaus ist der 85-Jährige heute weiterhin gern gesehener Gast bei diversen Glaseinrichtungen wie der Glasfachschule Zwiesel. Auch an der Bildung der Glasstraße war er maßgeblich beteiligt. Und - das wichtigste überhaupt: Er hat Zeit für seine Enkelkinder.

Apropos Familie. Im Rückblick auf sein bisheriges Leben ist Willi Steger mit sich im Reinen - nur, wenn es um die Liebsten geht, gibt er Versäumnisse zu. Die eine oder andere Stunde mehr mit Frau und Kindern wäre in der Nachbetrachtung wünschenswert gewesen.

"Deshalb genieße ich nun die Zeit mit meinen Enkeln umso mehr"

"Deshalb genieße ich nun die Zeit mit meinen Enkeln umso mehr", sagt er. In den Momenten mit dem Familiennachwuchs vergisst der frühere Betriebsleiter dann den Blick aus dem Wohnzimmer-Fenster und die damit verbundenen Emotionen.